Es dauert eine Weile, bis ich erkenne, dass ich den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden von Gazprom vor mir habe. Alexander Iwanowitsch Medwedew ist still und sanft. Er ist einer der mächtigsten Männer Russlands, vielleicht der Welt. 

Ein Indiz dafür sind die Leute, die uns beobachten und sehr gut zuhören. Einer streckt uns ein zweites Aufnahmegerät vor die Nase, wahrscheinlich um zu vermeiden, dass ich seinem Chef später ausgedachte Sätze unterjubele. Das Gegenteil wird passieren.

Gazprom ist eines der verschlossensten Unternehmen und eines der umstrittensten. Der Gaskonzern gehört dem russischen Staat und gilt als wirtschaftliche und außenpolitische Waffe Wladimir Putins. Wenn Länder im Liefergebiet aufmüpfig werden, wird der Gashahn zugedreht. 2009 passierte das der Ukraine, andere mussten plötzlich das Doppelte für ihr Gas zahlen.

Ohne Gazprom, heißt es, wird in Russland niemand Präsident. Und ohne Russlands Präsidenten geht nichts bei Gazprom. Im Konzern soll es von ehemaligen KGB-Agenten und Putins Helfern wimmeln, es soll einen eigenen Nachrichtendienst und eine eigene Armee geben. Einigen von Gazproms unzähligen Mittlerfirmen, mit denen Gazprom zusammenarbeitet, werden Verbindungen ins Milieu der organisierten Kriminalität nachgesagt. Mafiaexperten schreiben Bücher über das Unternehmen, die Titel tragen wie Das unheimliche Imperium.

Nicht aus Nettigkeit

Dass wir uns überhaupt unterhalten, ist also schon bemerkenswert. So sehen das auch die Leute von Gazprom, die das Gespräch angeboten haben. Medwedew, der 2009 vom Magazin TIME auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gesetzt wurde, gebe nur selten Interviews. Sie sagen das sehr oft. An diesem Tag und in den Tagen danach.

Medwedew, hieß es, spreche gern über Sport. Denn Sport ist für Gazprom eine große Sache. Der Konzern sponsert nicht nur Fußballklubs wie Schalke 04 oder Zenit St. Petersburg, sondern auch die Champions League und den Fußball-Weltverband Fifa. Das Unternehmen engagiert sich im Eishockey, Radfahren, Segeln, Tennis, Leichtathletik, Boxen, Biathlon, Schach und Ballonfahren. Also überall. 

Gazprom tut das natürlich nicht aus Nettigkeit, sondern weil der Konzern sein Image verbessern will. Er will bald den europäischen Endverbrauchern Gas selbst verkaufen. Dafür braucht er Sport, vor allem Fußball. Die internationale Sportwelt stört es nicht, und so hilft sie einem Konzern, der in Russland ein autokratisches System stärkt, Menschenrechtsverletzungen inklusive. So stand es im Mai auch bei ZEIT ONLINE.

Gazprom sieht das anders und bot uns daraufhin das Interview an, als feststand, dass Medwedew nach Deutschland kommen würde. Wir sagten zu, sofern auch kritische, vor allem sportpolitische Fragen gestellt werden dürften. Wir könnten es ja mal versuchen, sagten die Gazprom-Leute. Zur Sicherheit sollten wir mit Eishockey-Fragen anfangen.

Denn wegen Eishockey war Medwedew in Berlin. Er ist nämlich auch Präsident der Kontinental Hockey League (KHL), einer neuen, osteuropäischen Eishockey-Liga, die der amerikanischen NHL Konkurrenz machen soll. Jedes Jahr gibt es ein Benefizspiel zwischen einem All-Star-Team von Gazprom und den Eisbären Berlin. Das russische Team besteht aus früheren Olympiasiegern und Weltmeistern – und aus Medwedew, er ist Kapitän. Beim Spiel wird er nach ein paar Sekunden von einem alten Eisbären angerempelt und fällt aufs Eis. Er rappelt sich auf und schlittert mit; den Puck hat er nur selten.