Die fünfte und die sechste Partie der Schach-WM zwischen Viswanathan Anand und Magnus Carlsen hätten von ihrem Verlauf her unentschieden ausgehen müssen. Das war die Erwartung des Publikums, der Kommentatoren, der Presse, der alles wissenden Schachprogramme. Wie man sich irren kann.

In der fünften Partie am Freitag hatte sich der Weltmeister Viswanathan Anand aus schlechterer Stellung nach vier Stunden zähen Kampfes gerade freigewühlt, als ihm ein letzter Fehler unterlief, ein Schachgebot mit dem Turm. In der sechsten Partie am Samstag war ihm das Remis nach über vier Stunden zähen Kampfes sicher, als ihm ein vorletzter Fehler unterlief, ein Schachgebot mit dem Turm.

Null und Null und nun?

Unaufregend hatte die WM begonnen, mit zwei schnellen Remisen. Dann folgten zwei lange Kampfpartien, die unentschieden endeten. Der Weltmeister konnte sich gegen den favorisierten Herausforderer gut behaupten. Alles versprach einen spannenden Kampf über zwölf Partien mit offenem Ausgang. Und dann das.

Hat Carlsen Anand erledigt durch sein unerbittliches Nachsetzen? Oder hat Anand sich selbst erledigt durch zwei Züge unter seinem Niveau, die er bei einer anderen Gelegenheit, gegen einen anderen Gegner, gewiss nicht aufs Brett gebracht hätte?

Noch am Sonntag sitzen Schachfreunde und  Schachreporter in der Lobby des Wettkampfhotels in Grüppchen zusammen und versuchen sich den Gang der Dinge zu erklären. Wie konnte Anand nach dem guten Start so abstürzen? Hat ihn der gespenstische Auftritt des untoten Exweltmeisters Garri Kasparow aus dem Tritt gebracht? Oder läuft Carlsen nach anfänglicher Unsicherheit jetzt zu großer Form auf? Mit jedem Tag scheint er an Selbstbewusstsein zu gewinnen.

In Norwegen drehen sie schon voll durch. Das erste Programm des Fernsehens überträgt jede Partie live in ganzer Länge. Die Quote übertrifft alle Erwartungen: Bis zu 700.000  Zuschauer täglich, bei 5 Millionen Einwohnern. Dazu ständig neue Berichte auf der Online-Seite der VG, der norwegischen Bildzeitung. Carlsens Manager Espen Agdestein fasst die Lage in der Heimat en passant auf dem Flur so zusammen: "Die Angestellten arbeiten nicht mehr, die Studenten studieren nicht mehr, in den Schule lassen die Lehrer den Fernseher laufen." Magnusfieber.

Carlsens Vater Henrik genehmigt sich am Sonntagnachmittag einen Drink in der Lobby. Er kommt gerade aus der Turnhalle einer Chennaier Schule. "Wir haben heute zwei Stunden Basketball und Fußball gespielt", sagt er.  Nach einer Stunde hätte es ihnen eigentlich gereicht. Aber Magnus reichte es noch nicht.

Der Herausforderer, 22 Jahre alt, hat diesen immensen Bewegungsdrang. Sein Team geht mit, will mit, muss mit. Im Hotel sieht man die Norweger immer nur in Sportklamotten. Und wenn man sie nicht sieht, sitzen sie in einem ihrer Zimmer im sechsten Stock und spielen Karten. Wird erzählt.

Der Inder Anand dagegen soll das Hotel seit zwei Wochen nicht verlassen haben. Und das in seiner Heimatstadt. Er wohnt eine Viertelstunde entfernt. Kriegt er keinen Koller da oben im zehnten Stock?

Von Anand heißt es, er habe, seit er Weltmeister ist, bei einem Duell noch nie zwei Partien in Folge verloren. Eine Niederlage wegstecken, das kann er. Aber zwei? Wer baut ihn auf? Aruna, seine Frau?

"Wie geht's?", wird sein deutscher Teamchef Hans-Walter Schmitt beim Abendessen gefragt. Er bellt zurück: "Ist das 'ne Frage jetzt!?"

Die Antwort kann am Montag in der siebten Runde nur Viswanathan Anand geben. Oder Magnus Carlsen gibt sie.