Nach dem vorzeitigen Ende der Schachweltmeisterschaft ist im südindischen Chennai noch nicht alles vorbei. Der neue Weltmeister Magnus Carlsen ist seit seinem unfreiwilligen Bad im Swimmingpool abgetaucht, wird aber spätestens zur Siegerehrung am Montag wieder erwartet. Ob er noch Interviews geben wird, fragen sich vor allem jene Journalisten, die ihm noch nie begegnet sind. Die anderen rechnen eher nicht damit. Aber bei Carlsen weiß man ja nie.

Viswanathan Anand, der nun ehemalige Schachweltmeister, räumt inzwischen die Präsidentensuite in der zehnten Etage des Hyatt Regency Hotels. In deren riesige Wohnküche mit Blick über die schier unendliche Stadt hatte er sich in den vergangenen drei Wochen zurückgezogen. Die Computer sind weggepackt, einige Schachbretter samt Figuren stehen noch herum. Anand und sein Team arbeiten nicht nur am Bildschirm, sie bauen Stellungen wirklich auf. Die vier Sekundanten schauen kurz herein, der Ungar Peter Leko in kurzen Hosen und Schlappen, wir wechseln ein paar Worte auf Deutsch. Die Stimmung ist gedämpft, aber entspannt. Es hat nicht sollen sein.

Anands Frau Aruna ist da und auch Akhil, sein kleiner Sohn, der auf einem iPad Micky-Maus-Filme guckt. Eine Schachfamilie beim Umzug. Sie wohnen nur eine Viertelstunde vom Wettkampfhotel entfernt. Anand duscht noch, es wird Kaffee gebracht, dann kommt er, locker, freundlich, wie immer. Viele Fragen muss ich ihm nicht stellen; er hat sie selber. Es sprudelt nur so aus ihm heraus, auf Englisch.

Viswanathan Anand: In der Vorbereitung auf das Match habe ich mich mit meinen Schwächen beschäftigt. In den letzten zwei Jahren war mein Spiel nicht immer stabil. Ich verliere Partien, die ich vorher nie verloren hätte. Und ich verliere sie auf ungewöhnliche Weise, in harmlos aussehenden Stellungen. Auch die Konzentration zu halten, fällt mir schwer. Dieses Jahr habe ich wiederholt gut durchgespielte Turniere mit einem Zug verdorben. Und ausgerechnet auf Gebieten, auf denen ich Schwächen zeige, liegt Carlsens größte Stärke. Gegen ihn zu spielen war in diesem Sinne fast das Schlimmste, was mir geschehen konnte. Also habe ich versucht, im Training diese Schwächen zu bekämpfen. Ich habe viel Zeit auf Spielsysteme verwandt, die ich in- und auswendig kenne, und versucht, die Konzentration zu verbessern.  

ZEIT ONLINE: Hat Ihr instabiles Spiel denn mit bestimmten Positionen zu tun? Oder hat es damit vielleicht gar nichts tun?

Anand: Da gibt es viele Faktoren. Mir fiel es schwer, die eine Ursache zu benennen. Warum verliere ich plötzlich Stellungen, die ich vor zehn Jahren nie verloren hätte? Keine Ahnung. Es hat mir schon seit einer Weile zu schaffen gemacht. Ich wollte also dieses Problem lösen. Wenn ich eine Stellung beherrsche, ist es weniger wahrscheinlich, dass ich danebengreife. Das war der Plan. Und es lief ganz gut. Ich hatte keine Angst, lange Partien gegen Magnus zu spielen. Ich wollte mich der Herausforderung stellen, durchhalten, gute Züge finden.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie bei der WM aus der Eröffnung heraus schnelle Verwicklungen angestrebt.

Anand: Ja, aber das gelingt eben nicht immer. Also habe ich mich auf lange Partien eingestellt, auch an meiner Fitness gearbeitet. Seit Anfang des Jahres habe ich zehn Kilo abgenommen. Alles lief nach Plan. Nur mein Selbstvertrauen war nicht ganz da, einfach weil ich in den letzten sechs Turnieren unnötige Niederlagen kassiert habe, manchmal ganz am Schluss. Man spielt, man kommt ins Rutschen, man verliert. Und genau darauf ist Magnus spezialisiert: Er zieht und zieht, dann schlägt er zu. Er ist so gut darin, dass ich das in der Vorbereitung nicht ignorieren konnte. Und für eine Weile schien es mir auch, als wäre ich auf der Höhe. In der ersten und zweiten Runde kamen wir beide ins Turnier, die Partien drei und vier waren dann recht interessant.