Schach-WM in ChennaiNur aus Liebe zum Schach

Megh Manseta, 47, Junggeselle, fliegt von Mumbai nach Chennai. Eigentlich will er nur den Anfang der Schach-WM miterleben. Dann storniert er seinen Rückflug. von 

Der Investor Megh Manseta aus Mumbai

Der Investor Megh Manseta aus Mumbai   |  © Eric van Reem

Was macht man bei der Schachweltmeisterschaft in Chennai nach dem Schach? Wenn die tägliche  Partie vorbei ist? Nun, auf jeden Fall sollte man etwas essen. Denn das Schach beginnt nachmittags um drei, und nach einem langen Tag wie in der fünften oder sechsten Runde hat man abends um acht, neun auch Hunger. Man geht dann nicht allein essen, sondern mit denen, die gerade da sind, ob man sie nun kennt oder nicht. Man lernt sich kennen, das ist das Gute beim Schach.

An einem solchen Abend sind wir zu siebt beim Italiener. Der australische Großmeister Ian Rogers und seine Frau Kathy, die als Schachberichterstatterpaar von Turnier zu Turnier reisen, Peter Doggers und sein Kollege Lennart Ootes von der großartigen Seite chessvibes.com aus den Niederlanden, Hans-Walter Schmitt und Eric van Reem vom Team Anand und ich.

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Ian Rogers hat noch jemanden mitgebracht, den ich nicht kenne, einen großgewachsenen Inder mit wachem Blick und angenehmer Ausstrahlung. Wir reden alle zusammen und kreuz und quer über Kasparow und dies und das, und irgendwann nach den Nudeln frage ich den Inder, der am anderen Ende des Tisches sitzt, ob er denn eigentlich auch Journalist sei?

Wobei – das muss ich kurz einschieben – Hans-Walter Schmitt und Eric van Reem natürlich keine Journalisten sind, sondern Journalisten allenfalls zu beeinflussen suchen, damit ihr Meister eine gute Presse hat. Schmitt nenne ich in meinen Texten immer "Anands Teamchef", was der Wahrheit möglicherweise nahe kommt. In einem Bericht auf Chessbase wurde er neulich in einer Bildunterschrift als Anands "Bodyguard" vorgestellt, was mir angesichts seiner kräftigen Statur auch plausibel erscheint. Die indischen Tageszeitungen, die ihn abwechselnd interviewen, nennen ihn "Anands guten Freund", und das ist er bestimmt.

Von ihm selbst weiß ich, dass er früher Manager bei Siemens war und dann das Gefühl hatte, er müsse sich jetzt mal mehr mit Schach beschäftigen. Über HWS, wie er sich gern abkürzt, ließe sich ein eigener Artikel schreiben – nur nicht hier und jetzt.

Sein Mitstreiter Eric van Reem heißt bei mir "Presseattaché vom Team Anand", eine Bezeichnung, in der sich das Französische von Attaché und das Englische von Team ein wenig reiben, was insofern lustig ist, als dass van Reem ein Niederländer ist, der in Deutschland lebt. Er arbeitet in Frankfurt bei der Lufthansa und betreut Schachweltmeisterschaften nur im Urlaub. – Ich gebe zu, dass mir dieser Einschub jetzt etwas außer Kontrolle geraten ist.

Kommen wir zurück zu dem Inder, den der Australier mitgebracht hat. Nein, Journalist sei er nicht, sagt er mit sanfter Stimme, er sei Investor, aus Mumbai, aber jetzt ganz privat hier.

Ist er also ein Schachspieler? Ja, aber kein Meister, er habe nicht einmal eine Wertungszahl, in seiner Jugend habe er gespielt, dann nie mehr richtig, das Studium, die Arbeit, aber er habe auf jeder Reise  ein Schachbrett dabei, immer, und zu Hause liege in jedem Zimmer ein Schachbuch, und wenn er Zeit habe oder zum Job gerade keine Lust, dann lese er darin. Und nun findet die Schachweltmeisterschaft in Indien statt, zum ersten Mal, und da habe er sich gedacht, dies sei eine Gelegenheit, die sich ihm im Leben vielleicht nicht wieder biete. So habe er einen Flug gebucht, Mumbai – Chennai, zwei Stunden, und sich im WM-Hotel eingemietet für die ersten paar Runden.

Er gibt mir seine Visitenkarte: Megh Manseta, Manseta Group of Companies, Mumbai. Ich hätte Lust, mich mit ihm mal länger zu unterhalten, sage ich leichthin. Ja, gern, sagt er, er sei ja noch ein paar Tage da.

Und so kommt es, dass ich ihn seither verschiedentlich gesehen habe, zum Beispiel am Sonntag in der Lobby, als er an einem Tisch sitzt im Gespräch mit Henrik Carlsen, Magnus' Vater, dem er ein Schachbuch gibt mit der Bitte, es von seinem Sohn signieren zu lassen. Das Buch handelt vom WM-Kampf zwischen Botwinnik und Tal, 1960. Megh nennt es ein Lieblingsbuch, Tal selbst habe es geschrieben. Henrik Carlsen nimmt es mit.

Später sind wir beim Chinesen essen, und dann trinken wir Kaffee in der Lobby. Megh hält sich von den weichen Sesseln fern – der Rücken. Er setzt sich lieber auf die harte Steinkante neben dem Wasserbecken hinter der Rezeption. 

Seltsam, man trifft jemanden, den man noch nie gesehen hat, und spürt eine Nähe, die sich bei aller kulturellen, beruflichen und geographischen Ferne allein aus der Beschäftigung mit dem selben Gegenstand ergibt. Wie viele Freunde habe ich schon übers Schach gefunden und was ist das, das uns verbindet? Ein kompliziertes Spiel, das wir nicht sonderlich gut beherrschen, das viel Zeit frisst und keinem höheren Zweck dient. Schach ist vollkommen sinnlos. Das ist das Schöne.

Leserkommentare
  1. … seit Jahren verfolge ich Ihre wunderbare Schach-Berichtserstattungen, Herr Stock. Sie schaffen es, dem Schach und allem drumherum Leben einzuhauchen, dass auch ein Laie wie ich – der die Regeln kennt, aber nie großartig gespielt hat – mitfiebern kann.

    9 Leserempfehlungen
  2. Eine Leserempfehlung
  3. mit Schach am Hut. Aber den Artikel, den fand ich toll.

    Eine Leserempfehlung
  4. "Schach ist vollkommen sinnlos."

    Stimmt nicht ganz, denn
    e2-e4 - Bringt es Menschen (und Computer) friedlich zusammen
    c7-c5 - Verringert es die Entropie (das macht Schrödinger happy)
    c2-c3 - Ist es ein Sport und Sport ist gut für die Gesundheit
    d7-d5 - Gibt es nur dort 8x8 Fantastilliarden Möglichkeiten

    Und hey, unglaublich, die Leute spielen sogar Golf.
    Also keine falsche Bescheidenheit :D

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 20. November 2013 16:05 Uhr

    dass Menschen, die sich für andere Sportarten begeistern, z.B. Fußball häufig diese Argumente nennen und dann mit dem Totschlagargument "Brot und Spiele" bedacht werden, was wirklich schade ist.
    Dafür zeigt der Artikel und auch die rege Forumsdiskussion rund um das Thema doch sehr deutlich, wie groß die soziale Komponente, sei es nun beim Denk- wie auch einfacheren Sportarten ist. Schach, Skat, Poker, Fußball, es gibt so viel, was Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten, unterschiedlichsten kulturellen Backrounds zusammenbringt, diskutieren lässt.
    Die Artikel von Stock zeigen das sehr lebendig (ein Meister der Berichterstattung, von dem andere Kommentatoren viel lernen könnten, bei anderen Sportarten), genauso aber auch eben die Diskussion hier im Forum rund um das Geschehen, die ich mit viel Interesse verfolge.
    Aus Neugier frage ich mich, ob Carlson nochmal im Laufe der WM ein Risiko eingehen wird, oder sich nun fest auf die Defensive konzentriert und sich "einfach" nicht schlagen lässt.

    • lxththf
    • 20. November 2013 16:05 Uhr

    dass Menschen, die sich für andere Sportarten begeistern, z.B. Fußball häufig diese Argumente nennen und dann mit dem Totschlagargument "Brot und Spiele" bedacht werden, was wirklich schade ist.
    Dafür zeigt der Artikel und auch die rege Forumsdiskussion rund um das Thema doch sehr deutlich, wie groß die soziale Komponente, sei es nun beim Denk- wie auch einfacheren Sportarten ist. Schach, Skat, Poker, Fußball, es gibt so viel, was Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten, unterschiedlichsten kulturellen Backrounds zusammenbringt, diskutieren lässt.
    Die Artikel von Stock zeigen das sehr lebendig (ein Meister der Berichterstattung, von dem andere Kommentatoren viel lernen könnten, bei anderen Sportarten), genauso aber auch eben die Diskussion hier im Forum rund um das Geschehen, die ich mit viel Interesse verfolge.
    Aus Neugier frage ich mich, ob Carlson nochmal im Laufe der WM ein Risiko eingehen wird, oder sich nun fest auf die Defensive konzentriert und sich "einfach" nicht schlagen lässt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Understatement"
  5. "Das Schachspiel hat wie die Liebe, die Musik, die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen. Ich habe ein leises Gefühl des Bedauerns für jeden, der das Schachspiel nicht kennt, so wie ich jeden bedaure, der die Liebe nicht kennt."

    via ZEIT ONLINE plus App

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  6. danke an die ZEIT ! Offensichtlich hat es sich gelohnt, einen Reporter nach Indien zu entsenden ! Die knisternde Atmosphäre der dort verweilenden Schachfans ist super beschrieben.

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  7. Wunderschöner Artikel. Er atmet den Geist des Zen.

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  • Schlagworte Viswanathan Anand | Siemens AG | Indien | Niederlande | Chennai
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