Zwei Spieler einsam am Brett auf der Bühne, und die Welt ist weit weg, verbannt hinter eine schalldichte Glasscheibe: Nichts darf die Konzentration der Duellanten stören. Das ist das Bild, das seit den ersten Tagen der Schach-WM tausendfach fotografiert wurde.

Seit Montag ist dieses Bild vorübergehend getrübt. Den Grund dafür hat eine indische Zeitung schön auf den Begriff gebracht: "Der dritte Spieler ist da." Garri Kasparow.  Der russische Exweltmeister kommt als ungebetener Gast. Niemand hat ihn eingeladen, was eigentlich ein Skandal ist: Was wäre eine Fußball-WM ohne Beckenbauer und Pelé auf der Ehrentribüne?

Für sein Unerwünschtsein gibt es mehrere, ganz unterschiedliche Gründe. Die Führung des Weltschachverbandes will Kasparow keine Bühne geben. Denn im kommenden Jahr will er Weltschachpräsident werden und die jetzige Führungsriege ablösen. Politik, so argumentieren die Amtsinhaber, habe auf einer Weltmeisterschaft nichts zu suchen. Man kann das unsouverän und undemokratisch finden.

Ein weit besserer Grund ist Kasparows geschmackloser Auftritt vergangenes Jahr in Moskau, als Viswanathan Anand und Boris Gelfand  um den Titel spielten, während er der versammelten Presse erklärte, dass hier ja nicht die besten Spieler gegeneinander anträten. Alle verstanden seine Botschaft: Ich, Garri Kasparow, war der Größte und werde immer der Größte gewesen sein. "Anand, Gelfand und Elefant" schrieben wir damals: Willkommen im Porzellanladen!

Verständlich, dass der indische Schachverband ihn jetzt nicht im Pressezentrum sehen will, in dem er sonst bestimmt sehr willkommen gewesen wäre, als Botschafter der Tradition und König der Herzen. Wer sonst hat schon so schön kombiniert wie Garri Kasparow?

Auch das Team Anand ist vom Aufkreuzen Kasparows nicht begeistert. Er hat mehrmals erklärt, dass er Magnus Carlsen den Titel wünsche, der Jugend eine Chance! Carlsen hat seine Sekundanten öffentlich nicht benannt. Zählt Kasparow dazu? Will er ihm durch Stimmungsmache helfen? Anands Mitarbeiter bitten die Veranstalter, Kasparow, wenn er denn schon in den Spielsaal müsse, nicht ganz vorn in die VIP-Loge zu setzen, Auge in Auge mit Anand.

Hans-Walter Schmitt, Anands deutscher Teamchef, und sein niederländischer Presseattaché Eric van Reem scheinen noch öfter als sonst durch die Hallen und Restaurants des Hotels zu patrouillieren, um drohende Gefahren zu erkennen und  Schaden von ihrem Meister abzuwenden. 

Am Montagabend werden sie fündig: im chinesischen Restaurant direkt neben der Lobby. Während sie bei Reis und Fisch vermeintlich nur das leibliche Wohl im Auge haben, wandert ihr Blick möglichst unauffällig Mal um Mal in eine hintere Ecke des Lokals, in dem Kasparow, von Fans und Journalisten ausnahmsweise unbehelligt, allein Platz genommen hat. Würde Carlsen dazustoßen?

Carlsen kommt nicht. Stattdessen Espen Agdestein, sein Manager. Er redet eine Weile mit Kasparow, dann geht er, und Kasparow sitzt wieder allein am Tisch. Eric van Reem, Anands Teamfotograf, dessen Blog Mate in Chennai manchen Einblick gewährt, nutzt die Gelegenheit, über seinen Fischteller hinweg ein Paparazzifoto des Exweltmeisters zu schießen, wie man es seit den Tagen der Jagd auf den verschwundenen Bobby Fischer nicht mehr gesehen hat: Geistermeister Kasparow,  in psychedelisches Licht getaucht.

Am Dienstag, auf der Pressekonferenz nach der Partie, werden Anand und Carlsen nach Kasparow gefragt. Ein Kollege krönt seine Wortmeldung mit der Feststellung: "He is in the building." Anand lacht: "Sie meinen: Wie Elvis?" Großes Gelächter. Und dann fügt Anand feinsinnig an, er finde es schön, dass Kasparow hier zuschauen würde.

Carlsen findet das auch. Und, nein, getroffen habe er ihn nicht. Es ist kein Geheimnis, dass auch das Verhältnis zwischen Kasparow und Carlsen nicht spannungsfrei ist. Kasparow hatte ihn eine Weile lang trainiert und dabei versucht, ihn nach seinem Bilde zu formen, weil nur Kasparow ja Kasparow ist. Und je mehr Carlsen Carlsen bleiben will, desto weniger kann er wie Kasparow werden. Es ließe sich auch salopper sagen: Kasparow ging Carlsen ganz schön auf den Keks.