ZEIT ONLINE: Herr Andersen, warum ist es wichtig, Demokratie und Sport zu verzahnen?

Jens Sejer Andersen: Sport eignet sich hervorragend als Plattform des Austauschs. Schauen Sie eine Parlamentsdebatte im Fernsehen, die Sie nicht betrifft, schlafen Sie bald ein. Ein Fußballspiel kann die Leute viel eher emotional verwickeln, etwa in Moraldebatten über Fairness, Regeln, Freistöße, Phantomtore. Im Sport können wir den Dialog einüben. Sport war auch immer ein Schlachtfeld der Ideen. Und er wurde oft missbraucht, etwa von Diktatoren.

ZEIT ONLINE: Haben Sport und Demokratie gemeinsame historische Wurzeln?

Andersen: Im dänischen Sport, speziell im Turnen, gründete sich, wie in vielen anderen Ländern, Ende des 19. Jahrhunderts eine demokratische Gegenbewegung zum traditionellen Sport. Deren Ziel war es, die krummen Buckel der Bauern wiederaufzurichten. Wörtlich, aber auch im übertragenen Sinn. Die Sportler sollten sich durch Turnen und Gymnastik in der Gruppe über sich und ihr Tun im Dialog verständigen. Seit rund 150 Jahren pflegt der dänische Sport eine lebendige Debatte über sein Wesen.

ZEIT ONLINE: Nächstes Jahr stehen Olympia und eine Fußballweltmeisterschaft an. Sotschi und Brasilien werden hochpolitische Sportveranstaltungen.

Andersen: Es gibt einen offensichtlichen Unterschied. In Brasilien beobachten wir eine Debatte, in Russland nicht. Brasilien ist eine junge Demokratie. Russland auch, aber nicht liberal, sondern autokratisch. In Russland sehen wir exemplarisch, was den Sport mindestens die nächsten zwei oder drei Jahrzehnte beschäftigen wird: Länder, deren Ideale nicht immer die des Sports und der global akzeptierten Menschenrechten sind, bestehen mit guten Gründen auf ihr Recht, Mega-Events auszurichten. Das müssen wir als Chance begreifen. Wenn diese Länder nach Aufmerksamkeit fragen, müssen sie damit rechnen, dass die Welt den Scheinwerfer auch auf kritische Zustände richtet.

ZEIT ONLINE: Welche Zustände dürfen wir nicht akzeptieren?

Andersen: Verstöße gegen die Menschenrechte, wie sie etwa Homosexuelle in Russland erleben müssen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat das angesprochen und immerhin erreicht, dass während der Spiele von Sotschi niemand etwas fürchten muss. Wie es danach aussieht, ist natürlich eine andere Frage. Man darf aber auch nicht zu viel vom Sport verlangen. Immerhin redet die Welt nun über die Diskriminierung von Homosexuellen.

ZEIT ONLINE: Auch die Menschen in Russland?

Andersen: Viele Russen haben Angst, ihre Meinung zu sagen. Auch russische Journalisten wissen mehr als sie schreiben. Was in Russland, wie übrigens auch in Brasilien, zu spüren ist: der Stolz, dass ausländische Journalisten nach Brasilien und Russland reisen und darüber berichten. Und auch: Nationalismus. Das ist allerdings eine Tendenz in allen Gastgeberländern, auch in demokratischen. 

ZEIT ONLINE: Müsste das IOC bei der Vergabe von Olympischen Spielen kritischer sein?

Andersen: Die Themen Demokratie und Dialog haben dort keine Priorität, seit Jahren übrigens, mit wenigen Ausnahmen.

ZEIT ONLINE: Das IOC hat seit September einen neuen Präsidenten. Was erwarten Sie von Thomas Bach?

Andersen: Seit 2009 sagt er, dass er großen Wert auf Good Governance lege. Ich hoffe, wir können ihn beim Wort nehmen. Im olympischen Sport gibt es dramatische Verstöße, extreme Fälle von Korruption und Missmanagement. Etwa im Handball, Fußball oder Gewichtheben. Andererseits beobachten wir Ausnahmen. Der Boxverband hat sich auf Druck des IOC reformiert. Auch das Ringen hat die Warnung des IOC verstanden, das mit Ausschluss drohte. Konfrontation hilft also.

ZEIT ONLINE: In dieser Woche wurde bekannt, dass Dänemark und Deutschland gemeinsam die Handball-WM 2019 austragen. Was erwarten Sie von den Gastgeberverbänden?

Andersen: Unsere beiden Heimatländer haben alte demokratische Traditionen. Daher wünsche ich mir eine Diskussion über Hassan Moustafa, der Ägypter führt den Welthandball seit Jahren in sehr bedenklicher Art. Ich erwarte aber auch: guten, schönen Handball.