Debatte - Theo Zwanziger über Gerechtigkeit im Fußball

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger hat die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 an Katar scharf kritisiert. "Je länger diese Diskussion dauert, desto größer wird mein Eindruck, dass das eine der größten Fehlentscheidungen war, die es jemals im Sport gegeben hat", sagte Zwanziger in der Sportdebatte von ZEIT ONLINE am Dienstagabend in Berlin (hier zur Video-Aufzeichnung in voller Länge).

Eine WM gebe man nicht in einem Land, das halb so groß sei wie Hessen und Temperaturen habe, bei denen man nicht spielen könne. Er forderte zudem einen härteren Umgang der Fifa mit der Verletzung von Menschenrechten. "Wir müssen jetzt Druck machen, dass diejenigen, die für die Arbeitnehmer zuständig sind, schärfer beobachtet werden", forderte Zwanziger, der Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees ist.

Beim Philosophischen Armdrücken von ZEIT ONLINE debattierte er mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer über das Thema "Gerechtigkeit im Fußball". Gebauer stellte klar, dass es im Fußball keine Gerechtigkeit geben könne. Zwanziger entgegnete, der Fußball sei in einer ungerechten Welt zumindest der Einäugige unter den Blinden. Fußball sei nicht gerechter als das Leben. "Aber er ist gerechter als Eiskunstlaufen", sagt er. Weil es klare Regeln gebe.

Im Fußball fehlt eine Opposition

Zwanziger und Gebauer sprachen sich dafür aus, Torlinientechnologie im Fußball einzuführen. Wenn es um Tore gehe, das Elementarste, was der Fußball zu bieten habe, sagte Zwanziger, brauche man das gerechteste Ergebnis. Er äußerte sich kritisch über die abwartende Haltung des deutschen Fußballs. "Als die Fifa die Torlinientechnik erlaubt hat, bin ich davon ausgegangen, dass es in Deutschland schnell umgesetzt wird. Die Engländer haben es gemacht." Wenn die Technik bei der WM 2014 zum Einsatz komme, könne sie auch in der Bundesliga eingesetzt werden. Die Deutsche Fußball-Liga will frühestens zur Saison 2015/16 über die Einführung entscheiden.

Ob es weitere technische Hilfen im Fußball geben sollte, etwa den Videobeweis auch bei Abseits, darüber stritten die beiden Diskutanten. "Solange die Dinge praktikabel sind und dem Schiedsrichter helfen, sollte man sie nutzen", sagte Zwanziger. Gebauer dagegen warnte vor dem Aufwand: "Bei jedem Handspiel müsste ein Handspiel-Gremium zusammentreten", sagte Gebauer. Ein Zuhörer aus dem Publikum kritisierte, dass die Einführung von Technik im Profifußball die Unterschiede zu den Amateuren nur vergrößern würde.

Auch über den Fall Hoeneß wurde debattiert. Gunter Gebauer sagte, Hoeneß dürfe nur sein Amt behalten, weil er im Fußball tätig sei. "Im Aufsichtsrat des FC Bayern geht es um Freundschaften. Die kennen sich alle gut, haben den ähnlichen Lebensstil. Das sind Fans", sagte Gebauer. Zwanziger stimmte zu. Ein Aufsichtsrat in einem Fußballverein habe eine andere Bedeutung als bei anderen Großunternehmen. Es gehe um Dankbarkeit für sportliche Erfolge. Dieses Dankbarkeitsdenken müsse mit den allgemeinen Regeln der Gesellschaft zusammengehen. "Das ist in einem Fußballverein nicht der Fall", sagte Zwanziger.

Er kritisierte die "Unterhaltungswelt Fußball", weil ihr die Opposition fehle. "An deren Stelle entstehen Seilschaften und Abhängigkeiten, aus denen Fehlentwicklungen entstehen können", sagte Zwanziger. In einem solchen Machtsystem sei ein Stück weit angelegt, das Soziales und Gesellschaftliches vernachlässigt werde. Aus langen Amtszeiten entstünden Freundschaften, die zu Kumpaneien werden. "Davor muss man den Fußball bewahren. Aber mit dieser Sicht bin ich Außenseiter", sagte das Fifa-Mitglied.

Das abschließende Armdrücken, das der Veranstaltung ihren Namen gibt, konnte Gunter Gebauer für sich entscheiden.