In Droixhe ist Kongo Weltmeister. In Droixhe sind mehr als neun von zehn Menschen ohne Arbeit. In Droixhe sind Belgiens neue Helden groß geworden. Droixhe liegt auf der anderen Seite des Flusses. Man muss, um dorthin zu gelangen, über die Brücke des Atlas. Asphalt über die Maas.  

Kismet Eris lenkt seinen Wagen, einen weißen Mercedes, SUV, vier große Räder für besonders schweres Gelände, hinein in das Viertel, in dem er erwachsen geworden ist. In das Viertel, in dem er auch heute noch immer mehr Zeit verbringt, als man es von jemandem erwarten würde, der nur ein paar Tage zuvor im Stamford Bridge, London, neben José Mourinho stand, von jemandem, der den belgischen Nationaltrainer persönlich kennt, sechs Sprachen spricht und mit einem Anruf einen Millionendeal festzurren oder platzen lassen kann.

Kismet Eris ist Spielerberater. Kismet Eris ist Sozialarbeiter. Ein Widerspruch, der aus den Straßen erwachsen ist, die sich hinter der Windschutzscheibe öffnen. Und sich genau hier wieder auflöst.

"Dort oben hat meine Familie gewohnt", sagt Kismet Eris, 42 Jahre alt. Er zeigt auf einen der Wohntürme, die schon von der anderen Seite des Flusses sichtbar sind. Drei Hochhäuser, wo früher einmal fünf standen, hintereinander, gleich in Form und Höhe, als hätte dort vor ewiger Zeit jemand begonnen, ein gigantisches Dominospiel aufzubauen und mittendrin einfach die Lust daran verloren.

Droixhe war in den 1960er Jahren ein Modellviertel. Das Wohnen der Zukunft. In den Neubauten, angelehnt an die Architektur Le Corbusiers, lebten Selbstständige, Beamte, Diplomaten. Zwischen 1980 und 1995 blätterte der Putz, gingen die Diplomaten. "1984", erinnert sich Kismet Eris, "waren wir die ersten Ausländer hier."

Die Gebete Richtung Mekka, die Satellitenschüsseln Richtung Istanbul

Es kamen Kurden, Assyrer, Armenier. Flüchtlinge aus der Türkei. "Sie haben alle Menschen mit wenig Bildung, niedrigem Einkommen und schlechten Sprachkenntnissen in ein Viertel gebracht", sagt Eris. Es regnet, draußen schliert das Grau der Fassaden. "Das war ein großer Fehler. Es ist schwer, rauszukommen, wenn man sich gegenseitig runterzieht." Das Droixhe, von dem Kismet Eris erzählt, ist eine Deponie der Gescheiterten, auf der aber zwischen Wegwerfbiografien auch Erfolgsgeschichten gewachsen sind.

Eris fährt den Wagen auf den Bürgersteig. Gegenüber ein bisschen Park. Verblichenes Grün, wie ein verstaubter Teppich in einem Zimmer ohne Fenster. "Hier", sagt er, "fing alles an." Hier lernte er ein paar der Jungs kennen, deren Gesichter und Jubelgesten in Belgien derzeit so unübersehbar das öffentliche Bild prägen wie sonst nur die Porträts der Königsfamilie.

Am 11. Oktober hat sich die belgische Nationalmannschaft zum ersten Mal seit zwölf Jahren für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Überall hängen nun die Poster, tragen die Menschen T-Shirts: Brazil 2014. Im König-Baudouin-Stadion von Brüssel, 112 Kilometer von Droixhe entfernt, traf sie im November auf Kolumbien und Japan. Der neue Nationalstolz, der dieses Team umflort, ist greifbar. Die Partien, Freundschaftsspiele ohne Bedeutung, waren in wenigen Stunden ausverkauft.

Das gab es noch nie.

Im Stadion, 45.000 in Rot, Schwarz, Gelb, singen Flamen und Wallonen die Hymne. Gemeinsam. Auf Französisch.

Das gab es noch nie.

Es ist eine Mannschaft, die dieses Land eint, zumindest für neunzig Minuten. Das sagt ihr Trainer, Marc Wilmots. Es ist eine Mannschaft, die ein Spiegelbild der belgischen Gesellschaft ist. Das sagt Kismet Eris. Eine Mannschaft, deren prägende Spieler die Kinder der Einwanderer sind, die Enkel der Großeltern aus den belgischen Kolonien. Vincent Kompany, der Kapitän, der Vater Kongolese. Oder Marouane Fellaini, Spielmacher von Manchester United, die Eltern Marokkaner. 

Auch das gab es noch nie.


Die Stadt ist der Nährboden für den großen Unsinn

Die Spieler stammen aus den Einwanderervierteln Brüssels, Genks, Antwerpens – aus Gegenden, in denen der Ausländeranteil an den Schulen bei über neunzig Prozent liegt, die Kinder zu Hause türkisch sprechen oder arabisch. Die Gebete Richtung Mekka, die Satellitenschüsseln auf den Balkonen Richtung Istanbul.

Sie stammen aus Gegenden wie Droixhe. Sucht man in den belgischen Zeitungen Nachrichten aus Droixhe, findet man: Überfälle auf offener Straße, Schusswaffen, Brandstiftung, Vandalismus. Man findet aber auch Fußballmeldungen. Axel Witsel wechselt zu Zenit St. Petersburg. Arsenal an Zakaria Bakali interessiert. Es sind Namen, die hier jeder kennt. Kriminalität oder Ruhm. Die Straße durch Droixhe führt in beide Richtungen.

"Die Kinder hier sind wie alle Kinder, sie haben eine große Energie im Körper. Und diese Energie muss raus", sagt Eris. Wo aber hin mit der Kraft, der Unruhe, wenn da nur Straße ist, Langeweile, der Nährboden für den großen Unsinn?

Seine Eltern kamen 1964 aus der Türkei nach Genk, der Vater war Gastarbeiter, Bergbau, dann zogen sie nach Lüttich. Kismet Eris spielte wie alle anderen hier Fußball. Und er fand Halt in den Büchern. Wusste früh: Bildung und Fußball sind die schnellsten Wege raus, über den Fluss. Er ging, studierte, wurde Sozialarbeiter. Kam zurück und hatte nicht vergessen, welche Kraft der Sport besitzt.

"Wenn du einen Ball hast, löst du hier im Viertel siebzig Prozent der Probleme", sagt Eris. Vor zehn Jahren malte er auf einem kleinen Stück Grünfläche, nicht größer als ein 16-Meter-Raum, ein paar Linien ins Gras. Rammte ein paar Pfosten in den Rasen, stellte einen Tisch mit Waffeln und Getränken daneben. Und veranstaltete die Weltmeisterschaft der Straßenfußballer. Jede Nation, jede Ethnie ein eigenes Team. Und alle kamen. Die Kongolesen, die Kurden, Türken, Marokkaner, Armenier.

Kleines Feld, große Vision

Unter ihnen auch, als Stürmer im kongolesischen Team, Christian Benteke, der schon damals fast so groß war wie Kismet. Ein halbes Kind noch, ein halber Mann schon. Er wurde Weltmeister, aß eine Waffel, trank Limonade. Ein Ball. Siebzig Prozent der Probleme. Zehn Jahre später wechselte Benteke für achtzehn Millionen Euro in die Premier League zu Aston Villa.

Kismet Eris ist nun sein Berater. Er sagt: "Ich habe das nie wegen des Geldes gemacht. Sondern für die Jungs. Aber wenn sie dann Profis werden, ist es doch mein gutes Recht, sie zu beraten."

Die Menschen in Droixhe kennen ihn gut. Kismet bedeutet Schicksal. Kismet Abi, sagen sie, der große Bruder. Der Mann in dem weißen Mercedes, der Mann, der ununterbrochen telefoniert, das Headset im Ohr, Standleitungen in die Welt. Übergangslos wechselt er vom Niederländischen ins Französische, ins Englische, Türkische. Bonjour, my friend. Arabisch. Aleykum As-Selam. Was im Innern dieses Wagens gesprochen wird, mit Anwälten und Trainern, über Geschäfte, viel Geld, passt nicht zu der Szene hinter den Fenstern. In den Sätzen der Glamour, das Elend im Blick. Dann ruft Benteke an, er ist gerade bei seinen Eltern in Droixhe. Ist müde, will schlafen.

Eris wird ihn am nächsten Tag treffen, in einer Shopping Mall in Lüttich, für einen Ausrüsterdeal mit einem der größten Sportartikelhersteller der Welt. In zwei Wochen geht es wieder nach England.  

Eris, zwei Kinder, geschieden, könnte auch dort leben. In London. Benteke, 19 Tore in der vergangenen Saison, kürzlich Gast an der Tafel Prinz Williams, ist ein gefragter Stürmer. Das öffnet Türen. Aber das wollte er nie. Er ist in Lüttich geblieben, weil das ehrlicher ist. "Fußball als Geschäft ist eine schlechte Welt", sagt er.

Er, Pendler zwischen den Welten, kümmert sich stattdessen längst um die nächste Generation aus Droixhe. In den vergangenen Monaten hat er eine Mannschaft zusammengestellt, kleines Feld, große Vision: "Das ist kein Sozialprojekt. Das sind wirklich Jungs mit Talent."

Die Nachricht passt ins Bild: Terror aus der Trabantenstadt

In einem Flachbau, der an der Rückseite einer stillgelegten Eislaufhalle kauert, dahinter Brachland, rutschen Turnschuhe über schmale blaue Matten. Es ist ein Boxgym, wie es in Droixhe viele gibt. Seile, Sandsäcke, Wut. Mehr braucht es nicht. Hier lässt Kismet Eris Kondition trainieren.

Die Wände atmen Schweiß, in der Luft das Keuchen der Kinder. Liegestütze, Strecksprünge, Linienlauf. Zehn Jungs zwischen acht und elf Jahren. Die Gesichter vor Anstrengung gerötet. Am Rand stehen die Väter, steht der Trainer. Türken und Marokkaner. Zur Begrüßung Handschlag und Wangenküsse. Etwas abseits eine Frau mit Kopftuch. Ihr Sohn ist Kismets Hoffnung. "Wenn er die Disziplin eines Deutschen hätte, könnte er ein Weltstar werden", sagt er, "eine Mischung aus Bakali und Eden Hazard." Bakali, für den englische Klubs bereits die nächsten Millionen bieten. Hazard, für den der FC Chelsea vor einem Jahr vierzig Millionen Euro bezahlt hat. Das ist die Schizophrenie von Droixhe.

Kismet ruft die Kinder zusammen. Sie stellen sich im Halbkreis vor ihm auf, Kismet Abi, der große Bruder. Jeder gibt ihm die Hand. Das hat er ihnen beigebracht. Den Umgang untereinander. Sie sollen verstehen, dass sie eine Familie sind, sagt Kismet Eris. Er streicht ihnen über die Köpfe, verabschiedet sich dann. Er hat noch Termine. Draußen stehen die ersten Männer in Jogginghosen, die Taschen über der Schulter. Sport ist Kampf. Auch das gehört hier dazu.

Der neben den Fußballern bekannteste Sportler aus Droixhe ist ein einbeiniger Boxer. Ein Tschetschene, der nicht weit von hier in einer der Turnhallen trainiert hat. Er sitzt heute im Gefängnis. Vor zwei Jahren flog er nach Kopenhagen, um in einer Zeitungsredaktion einen Sprengsatz zu zünden. Die Bombe, selbst gebastelt, explodierte ihm auf einer öffentlichen Toilette in den Händen. Was blieb, waren die Nachrichten: Terror direkt aus Droixhe. Das passt ins Bild. Terror aus der Trabantenstadt.

"Droixhe", sagt Eris, "das ist für alle doch nur Bazookas und Narben." Es ist dieses Bild, das Kismet Eris ändern will. Durch die Bildung, den Fußball. Zwei Wege hier raus.

"Wir müssen uns die guten Menschen selbst machen"

Er steigt wieder in den Wagen, lenkt ihn über den schmalen Kiesweg auf die Straße. Aus dem Nichts, durch zwei parkende Autos hindurch, kommt ihm eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Dunkle Kapuzen in der Nacht. Sie kreuzen, Kismet bremst, sie stehen im Lichtkegel der Scheinwerfer. Bewegen sich nicht, starren. Einer hebt den Arm, schlägt den anderen in die Beuge. Klare Geste. Eris lässt beide Scheiben runter.

Eris: Gib es ein Problem? Dies hier ist ein Auto, ein Auto gehört auf die Straße.   

Einer von ihnen: Wir wollten hier nur rüber.

Eris: Und dein Freund, der wollte mich doch beleidigen.

Der mit der Geste stiehlt sich davon, schaut sich um, rennt. 

Eris, ganz ruhig: Wir können das gerne anders regeln. Ich kann euch meine Visitenkarte geben. Dann fragt ihr eure Väter, wen ihr hier beleidigen wolltet!

Einer von ihnen, der Kismet Eris jetzt erkennt: Entschuldigung, Monsieur. Es war nicht so gemeint. Es tut uns leid. Wir wollten nur über die Straße. Einen schönen Abend noch.

Eris nickt, lässt die Scheiben wieder hochfahren, lässt die Jungs gehen.

"Manchmal musst du so mit ihnen reden, sonst lernen sie es nicht", sagt er, "aber ich weiß ja, wie ich ihnen das beibringen kann." Die Schule der Straße. Grundkurs, Lektion eins: Respekt, Anstand, Höflichkeit. Lehrer Kismet ist zufrieden. "Wenn die guten Menschen nicht mehr nach Droixhe kommen", sagt er, während er sich wieder das Headset ansteckt, "müssen wir uns die guten Menschen eben selber machen."

Dieser Artikel ist die Langfassung eines Textes aus der ZEIT vom 5. Dezember 2013