Fußball in Brasilien : Wenn der Meister nicht absteigen darf

Absurdistan in Brasilien: Vor einem Jahr wurde der Traditionsklub Fluminense Meister. Jetzt stieg er ab – und schaffte vor Gericht doch noch den Klassenverbleib.
Ein Fan hält das Fluminense-Wappen hoch. © Alexandre Loureiro/Getty Images

"Champagner!", twitterte Felipe Melo kurz vor Mitternacht in Istanbul. Eine kleine, feine und gemeine Anspielung auf das, was gerade in der Heimat des brasilianischen Fußball-Nationalspielers geschehen war. Mit Champagner hatte das Präsidium des Fluminense Football Club 1997 gefeiert, nachdem es auf juristischem Wege noch den Abstieg aus der Ersten Liga verhindert hatte. Der heute für Galatasaray spielende Felipe Melo weiß das noch sehr gut, denn er ist beim Erzfeind Flamengo in Rio de Janeiro groß geworden.

Nun ist nicht bekannt, womit sie diesmal bei Fluminense angestoßen haben. Absteigen müssen sie jedenfalls wieder nicht. Auf denkbar kuriose Weise vermied der brasilianische Meister des vergangenen Jahres die Blamage einer direkten Durchreiche in die Zweite Liga. Weil das Konkurrenzunternehmen Portuguesa am Sonntag zum Ligaausklang einen eigentlich gesperrten Spieler eingesetzt hatte, verhängte der brasilianische Sportgerichtshof STJD einen Abzug von vier Punkten, wodurch der Klub aus São Paulo hinter Fluminense auf Platz 17 und damit aus der Liga purzelte.

Ein wenig verschämt vermeldete Fluminense links unten auf seiner Homepage, was sich da vor Gericht zugetragen hatte. Der Klub des derzeit verletzten Nationalspielers Fred profitiert von einer Geschichte, wie sie vielleicht in Absurdistan spielen könnte. Aber in Brasilien? Im Land des fünffachen Weltmeisters, des Gastgebers der WM 2014 und der emotionalen Heimat des Fußballs?

Foto mit Anwalt und Superstar

Sportlich hatte es für den brasilianischen Meister nicht gereicht, trotz eines 2:1-Sieges am 38. und letzten Spieltag in Salvador. Bis jemandem die Sache mit Heverton auffiel. Der Mittelfeldspieler der Associaçao Portuguesa de Desportos, war am 36. Spieltag vom Platz geflogen und daraufhin für zwei Spiele gesperrt worden. Weil das Sportgericht dieses Urteil reichlich spät fällte, nämlich erst am Freitag vor dem Saisonfinale, wurde es nicht mehr schriftlich nach São Paulo zugestellt, sondern dem mit der Verteidigung des Spielers beauftragten Anwalt mitgeteilt.

Das Präsidium von Portuguesa behauptet nun, der Anwalt hätte lediglich von einem Spiel Sperre gesprochen. Daraufhin sei Heverton zur zweiten Halbzeit des letzten Saisonspiels gegen Gremio Porto Alegre eingewechselt worden. Es war dies eine sportlich völlig bedeutungslose Angelegenheit, denn Portuguesa hatte, bei fünf Punkten Vorsprung auf Fluminense, den Klassenverbleib längst geschafft.

Diese Argumentation klingt schlüssig, sie verliert nur ein wenig an Überzeugungskraft, weil Portuguesas Klub-Anwalt das Gegenteil behauptet: Selbstverständlich habe er die Sperre von zwei Spielen für Heverton nach São Paulo weitergetragen. Bald darauf kursierte im Internet ein Foto vom November vergangenen Jahres, es zeigt eben diesen Anwalt und seine Frau Arm in Arm mit Fluminenses Star Fred. Im für Verschwörungstheorien jeder Art traditionell offenen Brasilien zeitigte das die erwarteten Folgen. 

Zugetan wie Düsseldorfer und Kölner

Der Anwalt wurde von allen Diensten entbunden, aber Portuguesas Verhandlungsbasis vor dem Superior Tribunal de Justiça Desportiva verbesserte das nicht entscheidend. Der Sportgerichtshof entschied mit 5:0 Richterstimmen für den in der Satzung festgelegten Abzug: einen Punkt aus dem 0:0 gegen Gremio, drei weitere für das Vergehen an sich. Vor dem Gerichtsgebäude in Rio de Janeiro jubelten die Fans von Fluminense und weinten die aus São Paulo, sie sind einander so innig zugetan wie hierzulande Düsseldorfer und Kölner.

"Diese Verhandlung war der 39. Spieltag, und er hätte genauso gut im Maracana-Stadion stattfinden können", zeterte der neue Anwalt von Portuguesa. Selbstverständlich werde er in Berufung gehen, aber angesichts der Sachlage wird sich am Urteil kaum etwas ändern.

Für Fluminense hatte dieser 39. Spieltag noch eine zweite glückliche Fügung. Es wurden nämlich auch die lieben Feinde von Flamengo mit einem Abzug von vier Punkten bedacht, wegen des Mitwirkens des ebenfalls gesperrten André Santos beim 1:1 gegen den neuen Meister Cruzeiro Belo Horizonte. Flamengo rutschte damit noch hinter Fluminense auf den 16. Platz ab. Santos hatte sich seine Sperre im Pokalfinale gegen Atletico Paranaense eingehandelt. Trainer Jaime de Almeida leitete daraus die Berechtigung ab, er könne den Verteidiger in der Liga ruhigen Gewissens einsetzen.

Noch so eine Geschichte aus Absurdistan.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Absurd ist einzig der Vorwurf der Absurdität

Ein Club der nicht absteigen darf (welche dürfen es denn?), ein "vielleicht" nicht unparteiischer Anwalt... was sind das denn bitte für Grundlagen, um die Sanktionen als absurd zu bezeichnen? Wenn schon Spekulation, dann doch bitte auf greifbarem Untergrund. Ansonsten siedeln sich solche Artikel auf dem Niveau von Verschwörungstheoretikern an und die gibt es hier beileibe schon genug.

Spekulation

der Verband hat es dem Verein nicht schriftlich mit Bestätigung mitgeteilt,
das ist doch ein handfester Punkt,
was brauch Sie mehr, ein öffentliches Geständnis,
eine Falschurteil zu einem Spielereinsatz an dem sich niemand im Stadion erinnern kann?

es gibt 1000 Fakten und es gibt 10.000 Dinge die nie passiert sind,
und dazwischen 10 krumme Dinge, davon ist dieses eines, und ganz schön schlimm,

wie schon gesagt wurde, warum sollte die Mannschaft einen gesperrten Spieler in einem bedeutungslosen Spiel einsetzen?
selbst wenn man alles andere als seriös annimmt und auf reine Dusseligkeit als Erklärung setzt ist es allein auch ein Unding, wegen einer solchen Lapaille einen Verein absteigen zu lassen,

das möchte mal in der deutschen ersten Liga sehen, wer sich das erlauben würde,
wie gesagt wurde vielleicht gar nicht möglich wegen Strafe erst im Folgejahr?

wenn das so gilt und hier ohne Erklärung im gleichen Jahr dann ein weiterer extremer Betrugsbaustein

Re: Transparenz

Da der werte Herr Holmes bereits inhaltlich geantwortet hat, hier nur ein kleiner Wink:

Mea culpa, der Autor steht tatsächlich dran. Dass ich es nicht gesehen habe liegt daran, dass ich an der Stelle nachgeschaut habe, wo er normalerweise steht, nämlich in der rechten Seitenleiste. Dort jedoch steht lediglich "Quelle: Tagesspiegel" und darauf bezieht sich auch meine Kritik. Daher entschuldige ich mich für meinen Vorwurf, gebe aber zu bedenken, dass es von der Ergonomie her nicht gut gelöst ist. Nichts für ungut.

Vergleich

Die Situation mit Düsseldorf und Köln ist aber meiner Meinung nach nicht vergleichbar. Ich wohne ( als gebürtiger Düsseldorfer ) seit mehreren Jahren in Köln, und arbeite dort auch - zudem sind damals mehrere Freunde von mir sind zum Studieren nach Köln gegangen - Jeder von uns hat sich in die Stadt verliebt, man kann wunderbar wohnen, einkaufen und auch feiern.
Und für die Kölner ist Düsseldorf wie ein "München-Light", nur mit mehr Ar*****chern. Denken interessanterweise nicht wenige Leute. Habe vor Kurzem noch meinen Bruder in Berlin besucht - ein "ich komme aus Düsseldorf" kommt im seltensten Fall gut an ;)

Selbst das stimmt nicht...

...bevor wir wieder die Sache mit den Pflastersteinen vonseiten Kölner auf einen Fanbus der Gladbacher erwähnen, muss gesagt werden dass in Brasilien und besonders in Rio der Einsatz von Schusswaffen bei Fußballschlägereien usus ist. Als Gästefan wird man(besonders wenn man aus Sao Paulo kommt) schon am Bahnhof mit Kugeln empfangen. Und bei jedem größerem Spiel in RIo stirbt mindestens ein Mensch. Das sind Sachen, die man mit der Situation in der Bundesliga nicht vergleichen kann, weil da einfach Welten dazwischen liegen....