Joachim Gauck fährt nicht nach Sotschi, Kritiker werfen ihm nun Symbolpolitik vor. Aber was soll grundsätzlich falsch sein an Symbolpolitik? Zumal, wenn es ein wichtiges Symbol an die richtigen Adressen ist.

Gaucks Signal richtet sich an Wladimir Putin. Ihm will er die Ehre nicht geben, Menschenrechtler begrüßen das. Aber auch die großen Sportverbände, allen voran das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Weltfußballverband Fifa, sollten die Botschaft nicht überhören: Wie kann man sich derart dem ehemaligen KGB-Agenten, dem Lesben- und Schwulenfeind, dem Ausbeuter von Arbeitern zu Füßen werfen?

Putin hat die Leichtathletik-WM erhalten, die Fußball-WM und als Gipfel: die Olympischen Winterspiele in seinem Lieblingsbadeort – Sotschi, ein Symptom für den grassierenden Wahnsinn im Weltsport.

Gauck ist nicht der einzige Politiker, der auf Distanz zum Sport geht. Der zuständige Minister Hans-Peter Friedrich, zuvor nicht als Kritiker aufgefallen, fordert den Sport inzwischen dazu auf, sich verlorene Glaubwürdigkeit zurückzuerobern. Er hat dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) recht unverblümt mitgeteilt, was er von dessen neuesten Millionenforderungen hält: nicht viel.

Die Politik treibt auch im Doping-Kampf den Sport vor sich her. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD kündigt ein Gesetz an, das in seiner Reichweite deutlich über das des Sports hinausgeht. Zudem haben die beteiligten Politiker die Wahlniederlage der Münchner Bewerbung für die Spiele 2022 kleinlauter aufgenommen als der Sport. Und lernbereiter.

Alfons Hörmann hingegen, der am Samstag konkurrenzlos zum DOSB-Präsidenten gewählt wurde, nannte das Nein aus München zu Olympia das Resultat einer "Fundamentalopposition gegen den Sport". Da sprach der schlechte Verlierer. Er verstand nicht, was die bayerischen Bürger, so verschieden die Motive für ihr Nein gewesen sein mögen, sagten: Sie wollen nichts zu tun haben mit dem olympischen Gigantismus, mit dem Big Business auf Staatskosten, mit dem chemischen Leistungsupgrade. Sie fühlen sich davon angewidert, dass den Sportfürsten Menschenrechte weniger am Herzen liegen als Gratisflüge in der Champagner-Klasse. Manch ein Neinsager hatte sicher auch genug von der Wirtschaftskriminalität im Münchner Sport.

Bislang spricht nicht sehr viel dafür, dass Hörmann dem Sport mehr Bescheidenheit lehren will und wird. Wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Kartellrecht muss der Geschäftsmann sogar bald vor Gericht. Doch man sollte ihm die Chance und die Zeit geben. Genau wie dem neuen IOC-Chef Thomas Bach, der zwar mitverantwortlich für Sotschi ist, aber vor kurzem Reformen angekündigt hat. Bei seinen ersten Olympischen Spielen an der Spitze des Weltsports muss er nach Gaucks Absage allerdings ohne den obersten Deutschen auskommen. Das sollte Bach zu denken geben.

Sollte Gaucks Botschaft Bach und Hörmann zu wohlfeil oder gar zu halbherzig sein, können sie stattdessen den Rat von Jenny Wolf annehmen. Die Eisschnellläuferin und Silbermedaillengewinnerin von Vancouver, sagte der FAZ über Gaucks Entscheidung: "Ich hoffe, dass das IOC diese Absage als Aufforderung begreift, Großereignisse auch nach Kriterien wie der Einhaltung der Menschenrechte zu vergeben, damit sich endlich was ändert."