ZEIT ONLINE: Herr Eilenberger, Pep Guardiola ist mit dem FC Bayern Herbstmeister, die Mannschaft spielt überragend. Sie sind seit Jahrzehnten Bayern-Fan, gelten aber als Skeptiker seiner Spielidee, weil sie nicht durchschlagskräftig sei. Was sagen Sie jetzt?

Wolfram Eilenberger: Das war eine überragende Hinrunde. Herzlichen Glückwunsch! Guardiola hat zudem bewiesen, dass er sein System an die Spieler anpassen will und kann. Skeptisch gegenüber seinem Spiel bleibe ich.

ZEIT ONLINE: Sie sind Philosoph. Freut es Sie, dass Guardiola ein Faible für Ihre Disziplin hat?

Eilenberger: Im Prinzip ja. Guardiola liest Immanuel Kant, schätzt Hermann Hesse, sucht die Nähe zu Dichtern und Denkern und gibt zu verstehen, dass sein Weltbild von deren Gedanken beeinflusst ist. Damit verbindet er als Fußballtrainer zwei scheinbar weit voneinander entfernte Welten. Das ist ein wegweisendes und mutiges Signal. Umso schwerer wiegt Guardiolas ethisches Versagen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Eilenberger: Ich spreche von Guardiolas Verhältnis zum Emirat Katar. Er hat dort als alternder Profi gespielt, später hat er den Geschäftskontakt zum FC Barcelona vermittelt, der bis heute besteht. Die Qatar Foundation ist Trikotsponsor. Seit Jahren ist Guardiola Image-Botschafter von Katar und erhielt dem Vernehmen nach einen zweistelligen Millionenbetrag.

ZEIT ONLINE: Einige werden entgegnen, dass Katar ein Partner des Westens ist und die Fußball-WM austragen wird.

Eilenberger: Das Land verstößt gegen Menschenrechte. Die Scharia ist dort die Quelle der Gesetzgebung, mit den entsprechenden Konsequenzen. Zudem beobachtet man systematische Ausbeutung, sklavereiähnliche Arbeit, Korruption, Unterdrückung von Homosexuellen und anderen Minderheiten, diktatorischen Absolutismus. Guardiola schweigt zu sämtlichen Missständen. Besonders offensichtlich wurde seine Selbstleugnung am Beispiel des Offenen Briefes von Zahir Belounis ...

ZEIT ONLINE: …dem französischen Profi, den sein Arbeitgeber, ein katarischer Armeeklub, jahrelang nicht aus Katar ausreisen ließ.

Eilenberger: Dieser Brief war auch an Guardiola adressiert. Und er hat ihn einfach nicht beantwortet. Er hätte Belounis wirklich helfen können. Und nicht nur ihm! Aber was tut Guardiola? Er lässt sich vom Pressesprecher verleugnen und zitieren, er sei "nicht genügend informiert". Damit hat Guardiola den Wertekanon, den man mit ihm verbindet und er zu vertreten vorgibt, schäbig unterlaufen. Er hat in meinem Augen massiv an moralischer Glaubwürdigkeit verloren.

ZEIT ONLINE: Fußballtrainer haben viel zu tun.

Eilenberger: Diese Ausrede ist lächerlich. Die Fakten sind seit Längerem bekannt. Die Amnesty-International-Berichte zur Lage ausländischer Arbeitskräfte in Katar findet man auf Google in drei Sekunden. Ein Zeugnis des Schreckens! Wenn ich vorgebe, ethischen Standards zu folgen und mich als Botschafter einspannen lasse, sollte ich mich informieren, für wen ich mein Gesicht hergebe.

ZEIT ONLINE: Belounis sagt inzwischen, dass er gar nicht Katar gemeint hat, sondern nur zwei bis drei Menschen. Und dass er Guardiola in eine unangenehme Situation gebracht habe.

Eilenberger: Natürlich hat Belounis Guardiola in eine unangenehme Situation gebracht. Aus guten Gründen. Noch unangenehmer ist allerdings die Situation für zehntausend weitgehend rechtlose Arbeiter in Katar.

ZEIT ONLINE: Was sind Guardiolas Werte, von denen Sie sprechen?

Eilenberger: Wie kaum eine zweite Gestalt im Weltfußball verkörpert Guardiola hohe ethische Werte, er leitet sein Charisma daraus ab. Als er beim FC Barcelona tätig war, hat er diese Marke ethisch aufgeladen: sagenhafte Jugendförderung, flache Hierarchien, Bescheidenheit der Spieler, Fairness auf und neben dem Platz – das ganze Programm. Wir glaubten es gerne.