Vor einiger Zeit war der damalige deutsche Außenminister Guido Westerwelle zu Gesprächen mit örtlichen Politikern in Jerusalem. Zwischen den Gesprächsrunden kam er für ein Treffen mit Journalisten ins King David Hotel. Es war keine Pressekonferenz, bloß ein kleines Schwätzchen zwischen ihm und uns. Er redete frei heraus, über dieses und jenes, und als Antwort auf eine Frage, die ich ihm stellte, erzählte er mir, die meisten deutschen Jugendlichen sähen Israel als einzige Demokratie der Region an.

Mir war gar nicht klar gewesen, dass deutsche Jugendliche nichts Besseres zu tun haben, als sich mit der israelischen Demokratie zu beschäftigen, aber ich bin ja auch kein Außenminister und ich weiß nicht alles. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht: Womit beschäftigen sich eigentlich die Israelis von heute?

Mit Fahrradfahren zum Beispiel, wie ich herausgefunden habe.

Die besten Orte zum Fahrradfahren, wenn man verhindern will, ausländischen Würdenträgern in die Quere zu kommen, die Verkehrschaos in israelischen Städten verursachen – wenn zum Beispiel Außenminister Kerry herkommt, sperrt die Polizei den Highway zwischen Tel Aviv und Jerusalem –, sind die Orte, von deren Existenz die ausländischen Staatsoberhäupter nichts wissen. Zum Beispiel: Das Tote Meer.

Willkommen bei Gran Fondo Dead Sea 2014.

Niemand kann mir erklären, was das Gran Fondo ist, ich meine, wer sich den Namen wieso ausgedacht hat, aber er existiert, genau wie die Sonne und der Mond, und damit hat sich's. Gran Fondo. "Das ist was Italienisches", lässt mich jemand wissen, als würde das alles erklären.

Aber wen kümmert's? Die Hauptsache ist: Man kommt zum Radfahren hierher. 155 Kilometer. 80 Kilometer lang fährt man sich warm, stimmt seinen Körper und sein Rad auf die Wüste ein, und auf den restlichen 75 fährt man um die Wette, ein echtes Radrennen.

Es gibt verschiedene Klassen: 60 Jahre und älter, 50 und älter, bis hinunter zu den Teenagern, den Wesen, die mich interessieren.

Ehrlich gesagt bin ich nur als Zuschauer hier. Ich kann gar nicht Fahrradfahren. Ich kann einen Panzer steuern, aber mit Fahrrädern kenne ich mich überhaupt nicht aus. Seltsam, ich weiß, aber es stimmt: Stecken Sie mich in irgendeine Armee und ich werde zum König der Panzerfahrer. Ja. Wirklich.

600 Radfahrer, fast alle Israelis, nehmen an diesem Rennen teil, und ich unterhalte mich mit Yaron Dor, dem Vorsitzenden des israelischen Radsportverbandes. Yaron erzählt mir, dass "Italien tolle Landschaften hat, aber wir haben die Wüste, das Tote Meer, Jerusalem. Und wir haben Talente."

Ich hole mir ein Sandwich, Suppe, heißen Kaffee und Eiskaffee, und warte auf die Sieger. Vielleicht lerne ich etwas, indem ich mit den talentiertesten Fahrern spreche.

Ido Zilberstein, die Nummer drei, 20 Jahre alt.

Er hat die 75 Kilometer in zwei Stunden und 15 Minuten absolviert.

Was muss man tun, um ein guter Radfahrer zu werden?

"Viele Stunden fahren."

Und außerdem?

"Muss man gut sein."

Wie schaffst du das?

"Harte Arbeit, Krisenmomente gehören dazu und immer wieder Selbstmotivation, und die Fähigkeit, die Tiefpunkte und die Niederlagen zu verdrängen."

Wieso bist du eigentlich Radrennfahrer?

"Keine Ahnung."

Was? Bist du einfach eines Morgens aufgewacht und hast entschieden, Rennrad zu fahren?

"Ja. Genau so war das bei mir. Manche spielen Fußball, ich habe mich für Radfahren entschieden."

Hast du keine bessere Antwort?

"Ich bin ein dummer Radrennfahrer. Ich habe keine wirkliche Erklärung."

Der heutige Sieger, die Nummer eins, heißt Zohar Hadari, ist 19 Jahre alt und stammt aus dem Kibbuz Tsuba.

Wie lange hast du für die 75 Kilometer gebraucht?

"Keine Ahnung."

Ich frage bei der Rennleitung nach und erfahre: 2 Stunden, 14 Minuten und 26 Sekunden.

Er hat nicht nur gewonnen, sondern darf sich ab sofort "König der Wüste" nennen.