ZEIT ONLINE: Herr Friedrich ...

Arne Friedrich: … Sie brauchen gar nicht fragen. Natürlich kann es in diesem Alles-Außer-Fußball-Kolumnengespräch nur um Thomas Hitzlsperger gehen.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie sich nicht stoppen.

Friedrich: Es gibt im Fußballgeschäft sehr viele Bekannte, aber wenige Freunde. Thomas zähle ich zu meinen Freunden. Ich habe zuletzt vor zwei Tagen mit ihm gesprochen, nichts besonderes. Erst vor einigen Wochen hat er mir von seiner Sexualität erzählt. Dass er sich mit diesem Interview jetzt an die Öffentlichkeit wendet, wusste ich nicht. Seit Mittwoch habe ich selbst enorm viele Medienanfragen und so viele Twitter-Reaktionen wie noch nie bekommen. Das Bedürfnis über Thomas zu reden, scheint sehr groß zu sein. Die Wellen, die das schlägt, sind gewaltig.

Homosexualität - Die Videobotschaft von Thomas Hitzlsperger "Homophobe Leute haben jetzt einen Gegner mehr", sagt der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. In einer Videobotschaft hat er sich zu seinem Coming-out geäußert, die seine Kommunikationsagentur dictum law veröffentlichte.

ZEIT ONLINE: Ist die Aufmerksamkeit gerechtfertigt?

Friedrich: Für mich absolut nicht! Ich hoffe, dass Thomas mit seiner Offenheit dazu beiträgt, dass die Sexualität, egal ob Hetero- oder Homosexualität, eines Menschen im Fußball etwas ganz Normales, nicht Erwähnenswertes wird. Es ist schlicht schlimm, dass so ein Thema im Fußball ein Tabu war – oder ist.

ZEIT ONLINE: Wann wird das Tabu gebrochen werden?

Friedrich: Einen genauen Zeitpunkt kann niemand voraussagen. Thomas hat jetzt eine sehr gute, wichtige, mutige Entscheidung getroffen. Ich unterstütze ihn vollkommen, habe ihm das auch schon mitgeteilt. Gerade als Profifußballer, wenn man ohnehin unter großem Leistungsdruck steht, kann so etwas schwer sein. Thomas ist den richtigen Schritt gegangen, auch der Zeitpunkt ist gut, kurz vor Sotschi. Er hat eine Tür aufgestoßen für viele andere. Auch aktive Fußballer könnten sich nun nach den vielen positiven Reaktionen leichter offen über ihre Sexualität äußern.

ZEIT ONLINE: Sie haben vor Ihrem Karriereende in den USA gespielt. Läuft dort die Debatte anders ab?

Friedrich: Auf jeden Fall. Als ich in Chicago spielte, hat sich der aktive MLS-Spieler Robbie Rogers über seine Homosexualität geäußert. Er hat nur positives Feedback bekommen. In der gesamten Liga wurde es als Normalität betrachtet, dass ein Spieler sich outet.

ZEIT ONLINE: Thomas Hitzlsperger kritisiert im Interview auch Witze und Beleidigungen, die in einer Gruppe von Fußballern ausgesprochen werden. Sie haben mit ihm in der Nationalelf zusammengespielt. Erinnern Sie sich an solche Momente?

"Jeder Fußballer ist doch auch Privatperson"

Friedrich: Wie Thomas sagt, reden Fußballer manchmal von einem "schwulen Pass", ohne es beleidigend zu meinen. Manche Schimpfworte haben sich etabliert, leider. Ich denke aber, Thomas wusste das richtig zuzuordnen. Aber in den Vereinen, in denen ich spielte, wurde Homosexualität nie thematisiert, weder positiv noch negativ. Deshalb kenne ich tatsächlich keine homosexuellen ehemaligen Mitspieler. Auch von Thomas habe ich es erst vor sechs oder sieben Wochen erfahren, als er sich mir anvertraute. Innerhalb der Mannschaft und in der Kabine wird über so etwas nicht gesprochen. Über Frauen wird dagegen oft geredet – weil jeder davon ausgeht, dass alle heterosexuell sind.

ZEIT ONLINE: Wenn ein Spieler mit dem Trainer über seine Sexualität sprechen möchte – ist da erst mal ein Hemmnis?

Friedrich: Ich gehe davon aus, dass jeder Trainer der Bundesliga oder Nationalelf das verstehen würde und den Spieler gegebenenfalls schützen würde. Jeden meiner Trainer, von Joachim Löw bis Felix Magath, schätze ich so ein. Ich hoffe, dass ich mich nicht irre. Sexualität hat mit dem Fußball nix zu tun.

ZEIT ONLINE: Kann es sein, dass wir gerade viele ermutigende Worte von Funktionären und Trainern hören, die Realität im Alltag in der Fußballkneipe oder im Stadion aber eine ganz andere ist?

Friedrich: Natürlich gibt es immer noch einige Spinner, die Mist erzählen. Homophobie dominiert noch in einigen Bereichen der Gesellschaft. Die Veränderung eines kollektiven Klimas braucht Zeit. Wenn nun wichtige Funktionäre was im Fernsehen sagen, werden sich die Verhältnisse auf Kreisligaplätzen oder in Fankurven nicht sofort ändern. Durch Thomas erfährt das Thema nun einen Anstoß und vielleicht ändert sich dadurch endlich etwas.

ZEIT ONLINE: Werden sich also homosexuelle Profifußballer bald nicht mehr Alibi-Freundinnen zulegen müssen?

Friedrich: Ist das so? Falls ja, wird sich das wohl erst dann ändern, wenn sich ein aktiver Spieler geoutet hat und das nicht mehr als sensationell, sondern als normal aufgenommen wird. Diese Zeit wird kommen.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind bei dieser Entwicklung die Medien und deren Umgang mit dem Thema?

Friedrich: Ich kann viele Medien verstehen, dass sie jetzt so intensiv berichten. Es gehört ja zu ihrer Aufgabe, Neuigkeiten, die viele Menschen interessieren, zu verbreiten. Gleichwohl ist es auch immer wieder Wasser auf die Mühlen derer, die unbedingt spekulieren wollen, ob einer hetero- oder homosexuell ist. Das geht auch in meinem Fall schon über Jahre so. Dass meine Freundin oder ich damit immer wieder konfrontiert wurden, war ab und zu auch nervig. Jeder Fußballer ist doch auch Privatperson. Ich bin heterosexuell. Aber wenn ich homosexuell wäre, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, es öffentlich auszusprechen.