Manche Nachrichten sind auf den ersten Blick eindeutig. Wenn etwa die Polizei in Paderborn vermeldet, dass nach einem Fußballspiel zwei Busse von Fans der gegnerischen Mannschaft entglast wurden, dann passt das perfekt ins allgemeine Bild, das sich die Öffentlichkeit von Fußballfans gemacht hat. Aber manches sieht auf den zweiten Blick plötzlich ganz anders aus.

Sig Zelt, Fan des 1. FC Union Berlin und Sprecher der Organisation "Pro Fans", erzählt eine ganz andere Version jener Geschichte, die sich vor ein paar Jahren in Paderborn zugetragen hat. Demnach sind die Fensterscheiben zu Bruch gegangen, nachdem die Polizei Pfefferspray in den beiden Bussen versprüht hatte. "Wenn Sie keine Luft bekommen, würden Sie wahrscheinlich auch zum Nothammer greifen", sagt er. Natürlich stand davon nichts in in der Polizeimeldung.

Für aktive Fußballfans sind das fast alltägliche Erfahrungen. Sie tauchen in den Medien vor allem als Gewalttäter auf, ihre Sicht der Dinge wird selten transportiert. Auch deshalb gibt es den Fankongress, zu dem an diesem Wochenende gut 700 Fans aus allen Teilen Deutschlands gekommen sind. Es geht um den Umgang mit den Medien, um die 50+1-Regel, um die Arbeit von Fananwälten – vor allem aber geht es um das Verhältnis zur Polizei.  

Für die Diskussion zu diesem Thema ist der größte Saal im Kosmos an der Karl-Marx-Allee reserviert. "Das Verhältnis war noch nie so schlecht", sagt Christian Bieberstein von "Unsere Kurve". Es gebe keine Verhältnismäßigkeit bei den polizeilichen Maßnahmen, keine Transparenz, keine Selbstkritik. "Wir haben kein Gewaltproblem", sagt er, "wir haben ein Polizeiproblem."

Ein Stück weit wie Terroristen behandelt

Man muss nicht besonders sensibel sein, um zu spüren, wie zerrüttet das Verhältnis ist – gerade aus Sicht der Fans. Donato Melillo, Fanbeauftragter von Hertha BSC, berichtet, dass es längst keine direkte Kommunikation zwischen Fans und Polizei mehr gebe. Die Fans sprechen mit ihm, die Polizei spricht mit ihm, und er leitet die unterschiedlichen Ansichten dann an die jeweils andere Seite weiter.

Christian Bieberstein hält den direkten Dialog mit der Polizei sogar auf absehbare Zeit für unmöglich: "Das Feindbild ist zu groß." Selbst das konkrete Angebot von Hans-Ulrich Hauck von der Berliner Polizei, dass die Fans sich an der Nachbearbeitung von Polizeieinsätzen beteiligen, ändert nichts an der ablehnenden Haltung. "So weit sind wir noch nicht", sagt jemand aus dem Publikum.

Die Sicherheitsdebatte der vergangenen Jahre hat die Dialogbereitschaft der Fans nicht unbedingt verstärkt. "Wir fühlen uns in diesem Prozess als Getriebene", sagt Sig Zelt. Dass die Polizei in Fankurven sogar V-Leute eingesetzt hat, hat bei ihm das Gefühl ausgelöst: "Man wird ein Stück weit als Terrorist betrachtet." Verdeckte Ermittler würden sonst gegen organisierte Kriminelle oder eben Terroristen eingesetzt. 

"Ein bisschen weniger Robocop-Ausrüstung"

Die Organisatoren zitieren fast schon genüsslich aus einem Brief des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD), der seine Teilnahme am Fankongress aus Termingründen absagen musste, der jedoch auch noch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema aufgeschrieben hat. Sätze wie diesen: "Straftäter reisen quer durch Deutschland, provozieren auf dem Weg zum Stadion Krawalle und Ausschreitungen." Außerdem müssten die Verbände endlich konsequent Stadionverbote verhängen. "Diese Worte sind eine Kampfansage", sagt Sig Zelt.

Die Fans klagen, dass sich immer mehr der Eindruck verfestigt, man müsse im Stadion um Leib und Leben fürchten. Bezeichnenderweise haben in einer Umfrage der Deutschen Fußball-Liga (DFL) 96 Prozent der Stadiongänger angegeben, dass sie das Stadion für einen sicheren Ort hielten. Von den Nicht-Stadiongängern glaubten hingegen 62 Prozent, dass man im Stadion nicht sicher sei. "Geht mal gegen die Panikmache vor!", fordert jemand aus dem Publikum von den Vertretern der Fußballverbände DFB und DFL.

Die Folgen der Hysterie spüren die Fans jedes Wochenende, wenn sie sich einer Armada behelmter und ganzkörpergepolsteter Polizisten gegenübersehen. "Wenn ich in meiner Heimat so behandelt würde, wie Auswärtsfans behandelt werden, hätte ich auch kein starkes Motiv für ein dialogisches Verhältnis", sagt der Freiburger Soziologie-Professor Albert Scherr. Er würde der Polizei "sehr starke Abrüstungsempfehlungen" geben, um den Dialog in Gang zu bringen. Oder wie es ein Fan aus England ausdrückt: "Ein bisschen weniger Robocop-Ausrüstung – das wäre vielleicht eine Lösung." Stefan Hermanns