ZEIT ONLINE: Meine Herren, Ihr Verein hat es geschafft, in der Hinrunde ohne Sieg zu bleiben. Das gab es noch nie. Freuen Sie sich überhaupt auf die Rückrunde?

Stefan Helmer: Ja, so eine fußballlose Zeit macht auch einem Nürnberg-Fan zu schaffen. Und so enttäuschend die Hinrunde geendet hat, so hoffnungsvoll bin ich für die Rückrunde.

Matthias Kröner: Ich freue mich auch. Als Club-Fan lernt man ja vor allem eine hohe Frustrationstoleranz, die einem auch im richtigen Leben weiterhilft. Als Fußballfan, speziell als Club-Fan, wird man zum Philosophen, der das Leiden beherrscht. Es gibt ein Tocotronic-Lied: Die Folter endet nie. Das trifft auf uns ganz besonders zu.

ZEIT ONLINE: So schlimm?

Helmer: Fans von anderen Vereinen leiden natürlich ähnlich. Aber die ganzen Abstiege und Lizenzentzüge und natürlich der Gipfel des Abstiegs 1999, den wir ohne Probleme hätten verhindern können – das prägt einen in seiner Leidensfähigkeit.

Kröner: Ich war an diesem Tag im Stadion und habe harte Männer weinen sehen.

ZEIT ONLINE: Sie haben es angedeutet: Kein Verein ist häufiger abgestiegen als der 1. FC Nürnberg. Kann Sie überhaupt noch was schocken?

Helmer: Nein, wir haben alles mitgemacht. Ein Jahr Pokalsieg, im Nächsten der Abstieg. Das ist doch verrückt.

Kröner: Ich überlege, ob es verantwortungsbewusst ist, meinen vierjährigen Sohn zu einem Clubfan zu machen oder ob er doch, da ich ja im Fan-Exil im Norden lebe, lieber St.-Pauli-Fan oder so was werden sollte.

Helmer: Wie bitte?

Kröner: Ja, du hast ja recht. Aber man macht so viel durch, da ertappe ich mich bei solchen Gedanken. Zumal man bei Fußballmannschaften das Problem hat, dass man sie nicht wechseln kann wie einen Job oder einen Partner. Als Fußballfan ist man monogam.

ZEIT ONLINE: Ist Leiden vielleicht das Wesen des Fußballfans? Frei nach Schopenhauer: Das wahre Sein ist das Leiden.

Kröner: Leben heißt leiden, sagt ja auch Buddha. Fansein vermutlich auch.

Helmer: Leiden ist ein sehr großer Teil des Fanseins, Schön ist es, wenn man dieses Leiden wieder in Energie ummünzen kann. Etwa indem man den Nichtabstieg noch schafft. Das befreit.

ZEIT ONLINE: Mit positiver Energie war es in der Hinrunde aber nicht so weit her. Es gab nur fünf Heimtore. Wissen Sie noch, wie so was geht, so ein Torjubel?

Helmer: Durch die ganzen Unentschieden ist mir das gar nicht aufgefallen. Mich haben nicht die wenigen Tore geschmerzt, sondern dass wir nie gewinnen konnten.

ZEIT ONLINE: Ist es vielleicht intensiver, wenn man seltener jubeln kann?

Helmer: Nein, das finde ich nicht.

Kröner: Man freut sich zwar über jedes Tor, aber vor allem hofft man, dass es am Ende auch was bringt.

ZEIT ONLINE: Dafür gab es reichlich Aluminiumtreffer. Was denkt man, wenn der Ball dauernd an Pfosten oder Latte klatscht?

Helmer: Am Anfang: Das ist Pech. Aber mit der Zeit merkt man, dass man so viel Pech gar nicht haben kann. Vielleicht ist es doch Unvermögen oder Kopfsache.

Kröner: Wahrscheinlich Kopfsache. Fußball ist Psychologie. Wenn es gut läuft, wächst jeder über sich hinaus, wenn es schlecht läuft, hat jeder Angst und macht Fehler.

ZEIT ONLINE: Sind Sie abergläubisch? Glauben Sie, dass es manchmal an Ihnen liegt, weil Sie wieder die falsche Unterhose angezogen haben?

Kröner: Manchmal schon, obwohl ich weiß, dass es Quatsch ist.