Fanbanner im Leverkusener Stadion im Dezember 2012 © Marius Becker/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Kessen, was ist das eigentlich, so ein Fankongress?

Thomas Kessen: Das ist die Einladung der beiden großen deutschen Fanorganisationen Unsere Kurve und Pro Fans an Fans, die interessierte Öffentlichkeit und alle relevanten Stellen – also Vereine, Verbände und die Polizei – sich mit den Fans über den Fußball und die Abläufe des Spieltags auseinanderzusetzen und sie, so gut es geht, zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Das Motto lautet an diesem Wochenende Fanfreundliches Stadionerlebnis: Wie Fans den Fußball wollen. Wie wollen Fans denn den Fußball?

Kessen: Wir wollen ihn besser. Wir fühlen uns noch immer nicht ernst genommen. Das diesjährige Motto ist angelehnt an das DFL-Konzept Sicheres Stadionerlebnis von vor gut einem Jahr. Wir wollen, dass mit uns geredet wird, nicht wie oftmals nur über uns. Auf dem Kongress dröseln wir den Fußball auf. Wir wollen auch über Themen wie die 50-plus-1-Regel reden. Besonders in Hoffenheim und Leipzig wird diese Regel stark gebogen.

ZEIT ONLINE: Was hat das neue Sicherheitskonzept verändert?

Kessen: Vereine dürfen nun beispielsweise Gästekartenkontingente begrenzen. Und machen auch reichlich Gebrauch davon, etwa bei den Relegationsspielen zwischen dem VfL Osnabrück und Dynamo Dresden. Das wäre früher nicht so einfach gewesen, mittlerweile geht das mit einem Zweizeiler per E-Mail.

ZEIT ONLINE: Wie sicher ist es im Stadion?

Kessen: Es ist absolut sicher. Es gab rund um das Sicherheitskonzept eine Onlinepetition namens Ich fühl mich sicher!. Da haben knapp 80.000 regelmäßige Stadiongänger unterschrieben. Aus meinem persönlichen Erlebnis kann ich sagen: Ich hatte im Stadion noch keine Probleme. Und wenn ich da jemanden höre wie den Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt, der sagt, man müsse Angst haben, ins Stadion zu gehen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

ZEIT ONLINE: Trotzdem werden über die Medien immer wieder recht drastische Bilder von brennenden Fanblöcken vermittelt.

Kessen: Da muss man unterscheiden. Bengalos stehen nicht automatisch für Ausschreitungen. Ja, Pyrotechnik und was damit verbunden ist, ist ein Problem im Stadion, aber nicht das Hauptproblem.

ZEIT ONLINE: Wird am Wochenende über Pyrotechnik gesprochen?

Kessen: Nein. Nach dem Abbruch der Pyrotechnik-Gespräche seitens des DFB hat das keinen Sinn mehr. Die Argumente sind ausgetauscht, da würden wir uns im Kreis drehen. Wir würden lieber vorangehen.

ZEIT ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem im deutschen Fußball derzeit?

Kessen: Die Hörigkeit von Vereinen und Verbänden gegenüber der Politik und der Polizei. Nach dem Platzsturm beim Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha meldeten sich Politiker zu Wort, die überhaupt nichts mit Sport und Fußball zu tun hatten. Und darauf haben Vereine und Verbände überhastet reagiert. Das halte ich für gewagt, bei solchen Schnellschüssen kommt selten etwas Gutes raus. In solchen Fällen sollte man auf Fanvertreter hören.

ZEIT ONLINE: Die Vereine stecken aber in einer Zwischenrolle. Sie brauchen ihre Fans, bekommen aber von der anderen Seite Druck aus der Politik. Die droht, Vereine müssten bald die Polizeieinsätze selbst zahlen.

Kessen: Das ist richtig. Aber da muss jeder Vereinsverantwortliche in der Lage sein, abzuschätzen, was konkrete Folgen von Verfehlungen wären, oder was einfach nur Populismus ist.