Hitzlspergers Coming-out : Was sind wir tolerant

Thomas Hitzlsperger erfuhr nach seinem Coming-out viel Lob und Zuspruch. Doch wer genauer hinschaut, erkennt bei diesem Thema viel Scheinheiligkeit.
Kabine des schwullesbischen Vereins Vorspiel SSL Berlin e.V. © Marc Tirl/dpa

Mit offener Homophobie war nicht zu rechnen. So viel war klar. Kaum jemand würde einen sympathischen Fußballer, der sich aus der Deckung wagt, öffentlich angreifen. Doch so lauter und anhaltender Applaus überraschte schon. Politiker, Sportler, Sportfunktionäre – alle freuen sich über den Mut Thomas Hitzlspergers, seine Homosexualität öffentlich zu machen. Endlich traue sich einer, hieß es, Respekt und: Das wurde aber auch Zeit. Und überhaupt sei das alles im Grunde ja das Normalste der Welt. 

Die Videobotschaft von Thomas Hitzlsperger "Homophobe Leute haben jetzt einen Gegner mehr", sagt der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. In einer Videobotschaft hat er sich zu seinem Coming-out geäußert, die seine Kommunikationsagentur dictum law veröffentlichte.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa ließ über ihren Sprecher ausrichten, es sei gut, dass Hitzlsperger über etwas "spricht, was ihm wichtig ist, was ihn möglicherweise auch befreit". Es ist die Kanzlerin, deren Partei beim Thema Gleichstellung nur dann aktiv wird, wenn sie unbedingt muss: Mehr Rechte für Homosexuelle musste bislang stets das Bundesverfassungsgericht erzwingen. Der designierte CDU-Generalsekretär Peter Tauber twitterte: "Als Fußballfan ein Danke an Thomas Hitzlsperger." Und als konservativer Politiker?

Auch Theo Zwanziger fand das Coming-out gut. Dem ehemaligen DFB-Präsidenten nimmt man den Kampf gegen Homophobie tatsächlich ab. Nur ist er auch Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa, jenes Verbandes also, der die WM 2022 in ein Land vergeben hat, in dem Homosexualität unter Strafe steht. Thomas Hitzlsperger müsste dort damit rechnen, festgenommen zu werden. Der Fifa-Präsident Blatter riet vor einiger Zeit allen Ernstes, Homosexuelle sollten sich dort eben zurückhalten.

Der DOSB-Präsident Michael Vesper schickte auch ein Lob – vor den Olympischen Spielen in Sotschi blieb sein Verband beim gleichen Thema jedoch auffällig passiv. Und auch aus der Fußball-Bundesliga und ihrem Dachverband, der DFL, gab es Zuspruch für Hitzlsperger, wenn auch so manch ungelenken. Warum aber konnten sich im August zunächst nur vier von 18 Fußball-Bundesligisten dazu aufraffen, die Berliner Erklärung zu unterzeichnen? Ein harmloser Appell gegen Homophobie im Sport, vor allem im Fußball. Die DFL ließ damals ausrichten, sie wolle das Projekt erst einmal beobachten.

Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Und dann noch dies: Am Tag, an dem scheinbar das ganze Land einem homosexuellen Exfußballer beipflichtet, kommt noch eine andere Meldung herein. 60.000 Menschen haben eine Petition gegen mehr Aufklärung über Homosexualität in Baden-Württembergs Schulen unterzeichnet.

Das Thema scheint voller Bigotterie. Der Fußball gibt sich liberal, die Gesellschaft sowieso. Aber geredet wird viel, getan eher wenig. Ressentiments sind immer noch da: Immerhin ein Viertel der Deutschen findet es ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Drei von vier Homosexuellen haben im Beruf Diskriminierung erlebt.

Hitzlspergers Coming-out darf nun nicht nur für Sonntagsreden genutzt werden. Jetzt muss wirklich etwas passieren. Zum Beispiel ein Ja zum vollen Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Oder ein klares Nein des deutschen Sports gegen Putins Anti-Homosexuellen-Gesetze in Sotschi und die Zustände im WM-Land Katar. Oder eine Debatte darüber, ob Deutschland wirklich so tolerant ist, wie es tut.

Hitzlsperger anerkennend auf die Schulter klopfen, reicht nicht aus.

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Kommentare

176 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Sie schreiben es ja selber. Natürlich ändern sich auch die...

"guten konservativer Werte, wie uneheliche Kinder zu diskriminieren". Aber leider verbleiben immer auch ein paar der "guten konservativen Werte", die erst noch der Änderung harren.

Beim Thema Schwul ist eben erst noch eine Weile Tauwetter nötig, bevor die sonnenhelle Einsicht die konservative Verhärtung durchdringen kann. Wenn Sie da was mit Umerziehungslager oder wie auch immer erzwingen wollen, bringen sie die Leute nur zusätzlich in Harnisch.

Nicht nur Konservative definieren sich selbst durch Abgrenzung definierter Kriterien zu anderen. Da passiert es leider ab und an, dass das sehr oberflächliche oder auch wenig menschenfreundliche Kriterien sind. Die Welt ist kompliziert und um nicht darin verloren zu gehen, macht sich der Mensch vereinfachte Vorstellungen.

Auch da hilft oft am besten Bildung, Bildung, Bildung. Wenn Konservative sich z. B. ans dreigliedrige Schulsystem klammern, kann das durchaus als klug angelegter Versuch gewertet werden, ihre konservative Welt zu pflegen, so lange es eben geht.

Daran dachte ich eigentlich gar nicht ...

"Herr, lass Hirn regnen." Gerne greife ich das auf und gebe es auch gerne zurück. Die von ihnen genannte Ausgestaltung zweier sich zusammengehörender Liebenden welchen Geschlechts auch immer is genau das, was die meisten Mitbürger (mich eingeschlossen) eben NICHT oder selten stört, was ich zwischenzeitlich allerdings mehr als lästig finde ist die mediale permanente Omnipäsenz in beinah allen Medien. Ich fürchte eben diese absolute einseitige Überbetonung wird eher negative Folgen zeitigen denn die gewünschte Einsicht vermitteln, weil man's einfach über hat.

Richtig

Fairerweise sollte man aber sagen, dass Collins seinen Zenit überschritten hatte und seine Karriere sowieso dem Ende zu ging. Aber trotzdem will ein Profisportler eben nicht nur wegen seiner Homosexualität bekannt sein. Wo man vor einem Outing über die Leistung lesen konnte steht jetzt die eigene Sexualität im Mittelpunkt. Wenn man bspw. nach Jason Collins sucht, findet man bei 6/10 Googletreffern einen HInweis auf die Sexualität direkt im Titel, 9/10 erwähnen das Coming-Out in der Verlinkung und nur 1/10 dreht sich zu 100% über seine Profikarriere. Das will man als erfolgreicher, ambitionierter Sportler sicherlich nicht. Solange ein Outing noch als Heldentat gefeiert wird, wird sich das aber nicht ändern. Es braucht wohl noch ein paar Pioniere bis dahin.

Ansonsten nehme ich es allen Promis durchaus ab, dass sie kein Problem mit Homosexualität haben und auch das Outing als positiv empfinden, wieso auch nicht. Die Scheinheiligkeit liegt aber in der Übertriebenheit des öffentlichen Schulterklopfens. Es hat sich jemand öffentlich zu seiner Sexualität bekannt um endlich zu sich stehen zu können. Das ist super für Hitzlsperger und sicherlich ein mutiger Schritt. Es macht aber die Situation für einen aktiven Spieler nicht einfacher, ebenso wenig wie die des Otto-Normal-Homos. Das die Öffentlichkeit positiv reagiert war klar, die Tücke liegt aber nicht zuletzt bei Sponsoren die vielleicht nicht unbedingt in jemanden investiert, der die homosexuelle Revolution verkörpert...