Homophobie im Fußball"In einer Mannschaft sind Spielsüchtige normaler als Schwule"

Das Problem für schwule Fußballer sind nicht die Fans, sondern die Mitspieler und Präsidenten. Die haben von homosexuellem Leben keine Ahnung. Und daher kein Verständnis Ein Gastbeitrag von Corny Littmann

Ein Fußballprofi hat sich geoutet, ein ehemaliger. Sehr gut. Für einen Aktiven wäre ein solcher Schritt aber sehr schwierig. Fußball ist eine nahezu reine Männergesellschaft, eine noch immer archaische.

Bei den Mitspielern fängt das Problem an. Eine Fußballelf besteht aus Männern verschiedener Nationalität, aus Männern mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Und manch Kroate oder Serbe sieht das mit der Homosexualität nun mal anders als der liberale Westeuropäer. Auch manch Russe, selbst wenn er nicht so reaktionär wie Putin ist. Ich will das Phänomen aber nicht auf Osteuropa beschränken.

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Als Schwuler gilt man in einer Fußballmannschaft als merkwürdig. Ich kenne einige schwule Spieler im deutschen Fußball. Viele haben eine hysterische Angst davor, an Kleinigkeiten erkannt zu werden, daher geben sie sich extrem heterosexuell, härter als die Kollegen. Ich sage immer: Wer wissen will, wer schwul ist, sollte auf die Spieler schauen, die die meisten Gelben Karten kriegen. Ist natürlich übertrieben und kein völlig zuverlässiges Indiz.

Corny Littmann
Corny Littmann

Corny Littmann arbeitete von 2003 bis 2007 als Präsident des FC St. Pauli. Der Schauspieler und Theaterregisseur war der erste offen Schwule im Profifußball. Er besitzt die Schmidt Theater in Hamburg.

Aber Schwulsein im Fußball heißt: 24 Stunden am Tag verstecken, 24 Stunden am Tag Habachtstellung. Was das für eine Energie kostet! Und diese Selbstleugnung: Bei frauenfeindlichen Witzen in der Kabine muss der Schwule als Erster und am lautesten lachen, am besten sollte er selbst welche drauf haben. In einer Fußballmannschaft sind Spielsüchtige "normaler" als Schwule.

Hilfe müsste der Trainer leisten. Doch die Wenigsten scheinen mir so vertrauensvoll, dass sich ein schwuler Spieler an ihn wenden würde. Doch an wen sonst? An die Vorstände und Präsidenten? Auch viele von denen sind mit dem Problem überfordert. Ich sage nicht, dass die meisten homophob sind. Aber sie haben vom Leben der Schwulen keine Ahnung. Und keine Ahnung heißt im Härtefall: kein Verständnis.

Sicher, man hört jetzt viele wohlklingende Aussagen aus der Fußballszene. Doch ich fürchte, die Toleranz hat Grenzen. Nach dem Motto: Ich hab nichts gegen Schwule, aber der eigene Sohn sollte es nicht sein und auch nicht der Mittelstürmer, der Kapitän oder sonst ein Spieler – zumal wenn er durch sein Coming-out Schwierigkeiten macht und den Klassenerhalt gefährdet.

Das geringste Problem erkenne ich unter Fans. Mag sein, dass ich aus St. Pauli verwöhnt bin, aber auch in fast allen anderen Stadien habe ich Respekt erlebt. Eine Ausnahme war Rostock, da gab es regelmäßig homophobe Schmähgesänge. Vermutlich kein Einzelfall im Osten.

Dass die Presse nun so viel über das Thema berichtet, ist gut. Diese Überdosis an Medienaufmerksamkeit hilft, zumal das Echo fast ausschließlich zustimmend ist. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass sich die Journalisten intensiver und dauerhaft damit befassen. Sie sollten den Versuch unternehmen, uns Schwule besser kennenzulernen, sie sollten nach Lebenswegen fragen, auch mal Schwulenbars besuchen. Homosexualität fällt nicht vom Himmel. Manch Schwuler braucht viele Jahre, bis er seine sexuelle Identität gefunden hat.

Was das alles für Thomas Hitzlsperger bedeutet, kann ich mir denken. Er wird nun ausgequetscht, auf sein Schwulsein reduziert. Das Etikett "erster schwuler Fußballpromi" wird er nicht mehr los. Das könnte ihn belasten. Jedenfalls hat er eine Tür aufgestoßen, das wird eine positive Wirkung haben. Die Homosexuellen werden es ihm danken.

Aufgezeichnet von Oliver Fritsch

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Leserkommentare
  1. ... weiß offensichtlich, wovon er spricht. Guter Beitrag!

    18 Leserempfehlungen
  2. Was soll das sein? Ist das anders als heterosexuelles Leben? Und wenn ja, warum wird dann verlangt beides gleichzubehandeln?

    Anmerkung: Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierteren Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
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    • Lyaran
    • 11. Januar 2014 12:49 Uhr

    Vielleicht ist es ja so dass ein homosexuelles Leben anders ist als ein heterosexuelles weil man in der Gesellschaft anders, also nicht gleich, betrachtet wird?

    • efloeb
    • 11. Januar 2014 13:00 Uhr

    Studentisches Leben ist anders als Angestelltenleben. Fußballerleben anders als Skiläufer, Sportler, Sänger, Künstler, Paketdienstfahrer etc. Jede "Gruppe" hat ihre Eigenheiten. Selbst Familien leben völlig unterschiedliche Leben obwohl sie alle irgendwie aus Kind + Eltern bestehen.

    Normal, 08/15, Durchschnitt sind nur Größen die willkürlich festgelegt wurden um irgendwann mal was normieren oder vielleicht sogar mal optimieren zu können.

    Immer neugierig bleiben ;)

    Warum sind "frauenfeindliche" Witze (was immer das sein mag) ein Kriterium? Verstehe ich nicht.

  3. Gäbe es einen schwulen Starspieler in der Nationalmannschaft, einer der über jeden Verdacht erhaben und von allen Seiten respektiert ist und würde sich dieser hinstellen und sagen: "ich bin schwul und das ist normal so", dann wäre das der erste Schritt zur Normalität und breiten Akzeptanz. In dessen Windschatten könnten sich weitere Schwule outen und das Thema wäre endlich gegessen.

    3 Leserempfehlungen
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    Eine eigene Fussballliga für Schwule?
    Oder halt nur so viele wie möglich in der "normalen" Liga; zwecks Netzwerk und so?

    • Quas
    • 11. Januar 2014 13:24 Uhr

    Können Sie sich vorstellen, dass es noch andere Gründe als "Homophobie" gibt die einen homosexuellen Mitspieler schwierig machen?
    Vielleicht bin ich mit meinem Verhalten zu sehr aus der alten Schule aber ich würde einer weiblichen heterosexuellen Mitspielerin ungern, auch im Sport, an den Busen fassen. Aus Respekt. Es gibt aus meiner Sicht eine Distanz, die mögliche Sexualpartner trennt und das ist auch gut so. Nicht jeder will immer angefasst werden auch nicht im Sport. Aus diesem Grund ist es völlig in Ordnung, dass heterosexuelle Mitspieler sich im Sport umarmen, küssen oder auf den Arsch hauen. Es ist klar, dass diese keine Sexualpartner sein werden. Sobald das bei einer heterosexuellen Frau auch klar ist, könnte man das unter Umständen auch dort machen. Mein Verhalten hängt also stark davon ab, ob mein Gegenüber ein Sexualpartner sein könnte oder nicht. Auch wenn ich eine heterosexuelle Frau lange und gut kennen würde, käme ich nie auf die Idee ihr auf den Arsch zu hauen. Auch nicht im Sport!

    Jetzt stellt sich die Frage, wo ist für mich der Unterschied zwischen einer heterosexuellen Frau und einem homosexuellen Mann? Ich möchte bei beiden die Distanz aus Respekt wahren, damit die Person sich nicht belästigt fühlt ich aber auch keine falschen Signale sende.

    Die öffentliche Meinung sagt mir nun:

    Du bist Homophob, weil du nicht mit Homosexuellen spielen willst. Wieso werde ich also gezwungen heterosexuellen Frauen beim Sport an den Busen zu fassen? Wo ist der Unterschied

    • sand.7
    • 11. Januar 2014 13:53 Uhr

    .
    4 Spieler der Nationalmannschaft?

    Das würde etwas in Bewegung setzen!

    Schwulsein darf nicht mehr hervorstechen, als ein Tattoo oder
    getönte Haare.

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass Zeit Online keine Plattform für Ihre homophoben Äußerungen bieten möchte. Die Redaktion/mak

    sand.7 scheint zu wissen wonach er schauen muss, ich denke da gibt es aber noch einen mehr der in Frage kommt ;)

    Abgesehen davon, dass Homophobie ein trauriges Thema ist amüsiert es mich das bei einer Sportart mit so vielen homoerotischen Elementen Homophobie ein so großes Thema ist. Aber vielleicht ist es gerade deshalb so ein großes Thema.
    Beim Handball, Einhockey oder Vollkontakt Kampfsportarten wird man das so vermutlich weniger finden.

    Sehr geehrter Herr Littmann,
    ostdeutsche Fußballfans unter den Generalverdacht der Homophobie zu stellen ist übrigens sehr polemisch! Man hat schon den Eindruck dass hier die Pauli gegen Rostok Fehde ausgetragen wird. Persönlich stimme ich ihnen zu, sowas passt aber nicht in die Zeit und diskreditiert einen ansonsten guten Artikel.

  4. wieder so ein schönes thema, um von den wirklichen problemen abzulenken irgendwie. aber nun ... es ist ein wm-jahr, da ist so was wohl wichtig.

    ich pers. denke ja die problematik was schwule fussballer geht ehr in richtung fans und in dingen "wert" eines fussballers - z.b. bzgl. markting ... mit einem schwulen fussballer wird sich weniger geld verdienen lassen - gerade wenn man mal über den relativ aufgeschlossenen deutschen tellerrand hinausschaut.

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    • Gerry10
    • 11. Januar 2014 12:56 Uhr

    ...sieht man ja in der Musikbranche.
    Jeder Superstar hofft dort das er unter den Homosexuellen Erfolg hat weil die in der Regel loyale und kaufkräftige Fans sind.

    • Lyaran
    • 11. Januar 2014 12:49 Uhr

    Vielleicht ist es ja so dass ein homosexuelles Leben anders ist als ein heterosexuelles weil man in der Gesellschaft anders, also nicht gleich, betrachtet wird?

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Homosexuelles Leben?"
  5. Was Littmann vergisst: Ein Fußballverein hat's so schon schwer genug. Muss sportlichen Erfolg haben, muss Geld verdienen, ist immer knapp bei Kasse. Hat schwierige Fans, überforderte Trainer, verletzte Spieler, unfähige Präsidenten.

    Der sich outende Schwule ist zunächst erst mal ein Problem mehr. Aber das nächste kommt gleich dazu: 2-3 homophobe Mitspieler. Die sind nämlich genau so "problembehaftet".
    [...]

    Letzendlich sagt sich dr Verein ganz pragmatisch: Die Leute sind hier zum Fußballspielen. Ihre privaten Probleme mögen sie bitte selbst lösen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen die als Relativierung von Diskriminierung gelesen werden können. Die Redaktion/mak

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    " ... Aber wer mit 25 homophob ist, bekommt das genauso wenig weg wie der Schwule seine Homosexualität"? - Homophobie ist wie Rassismus, Xenophobie oder Sexismus unter den Begriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (s. Wikipedia) zu sortieren, und wer mit 25 Jahren eine Einstellung wie Rassismus nicht mehr weg bekommt, sollte sich besser verstecken. -

    • Gerry10
    • 11. Januar 2014 12:56 Uhr

    ...sieht man ja in der Musikbranche.
    Jeder Superstar hofft dort das er unter den Homosexuellen Erfolg hat weil die in der Regel loyale und kaufkräftige Fans sind.

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    Antwort auf "hach ..."
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    gibt es die? ist die signifikant?

    ich pers. höre zum ersten mal - auch oder gerade bzgl. musikbranche, wo doch herz schmerz (worum es idr. in der populären musik geht) nichts mit einer sexuellen orientierung zu tun hat ... na klar gibt es musik die klischees bedient ... gerade in zeiten der 80s-retro-welle ... aber andererseits erfüllt nicht jeder homosexuelle ein typisches klischee und es soll ja auch schwule geben, die heavy metal konzerte besuchen!

    ich glaub sportszene und musikszene ist ein himmelweiter unterschied - kann man kaum vergleichen ... auch wenn es hier und dort reichlich fanatisch zugeht! ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Thomas Hitzlsperger | Fußball | Homosexualität | Trainer | Osteuropa | Rostock
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