Beim Bau der olympischen Sprungschanzen sollen die Auftragnehmer die anfängliche Kalkulation um das 36-fache überzogen haben, auch die Eishockey-Arenen kosteten 25-mal mehr als ursprünglich geplant. So jedenfalls steht es in einer Studie der Moskauer Stiftung für Korruptionsbekämpfung.

Deren Chef, Alexei Nawalny, gehörte zu den Führern der Protestbewegung nach den umstrittenen Parlamentswahlen Ende 2011; 2013 kandidierte er für das Moskauer Bürgermeisteramt. Im Frühsommer 2013 war er zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, die später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurden. Inzwischen laufen neue Ermittlungen gegen ihn.

Mit der Studie zu der Kostenexplosion in Sotschi, mit der Nawalny die Öffentlichkeit zehn Tage vor Beginn der Spiele schockte, vergreift er sich am Lieblingsspielzeug seines Intimfeindes Putin. Der reagiert auf Korruptionsvorwürfe besonders ungehalten. Wer konkrete Beweise liefern könne, sollte dies tun, je eher, desto besser, sagte der Staatschef kürzlich vor handverlesenen Journalisten. Die Warnung ging offenbar an IOC-Mitglied Gian-Franco Kasper. Der hatte gegenüber einem Schweizer TV-Kanal behauptet, ein Drittel des Olympia-Budgets sei versickert.

Er und seine Mitarbeiter, so Kremlkritiker Nawalny jetzt bei Radio Echo Moskwy, hätten mit "akribischem Quellenstudium" die Kostenentwicklung bei jedem Einzelposten der Olympia-Kalkulation verfolgt und seien dabei auf zahlreiche konkrete Fälle von Korruption gestoßen. Auftragnehmer hätten immer neue Nachforderungen präsentiert und den Zeitplan für Übergabe und Inbetriebnahme der Objekte heftig überzogen. Ein Beispiel sei die Schnellstraße von Sotschi zum Wintersportzentrum Krasnaja Poljana in den Bergen. Allein sie kostete laut Nawalny mehr als 300 Milliarden Rubel, rund 6,4 Milliarden Euro.

Vor einer Kostenexplosion bei den Spielen hatte zuvor schon ein anderer Oppositionspolitiker gewarnt: Boris Nemzow, der Anfang der 1990er Jahre Bürgermeister in Sotschi war. Sein Report "Olympische Winterspiele in den Subtropen" kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die Studie von Nawalny. Nemzow nannte Gesamtkosten von umgerechnet mehr als 30 Milliarden Euro für die Spiele. Dass diese Latte bisher nicht gerissen wurde, hat auch mit dem rasanten Kursverfall des Rubels in den vergangenen Tagen zu tun.

Glaubt man Nawalny, stimmt auch die offizielle Darstellung, wonach Russlands Oligarchen rund 30 Prozent der olympischen Investitionen schultern, nicht ganz. Sie hätten sich faktisch lediglich mit 3,5 Prozent beteiligt. Im ersten offiziellen Kostenplan war von Gesamtkosten von umgerechnet zwölf Milliarden Euro die Rede, 6,7 Milliarden Euro sollten vom Staat kommen. Doch das ist längst Makulatur. Die Spiele in Sotschi, so Nawalny, würden viermal so teuer wie geplant. Das schaffte, obwohl auch frühere Gastgeber überzogen, bisher niemand.

Regierungschef Dmitri Medwedew machte indes eine andere Rechnung auf. Die Kosten für die Spiele selbst würden sich auf 200 Milliarden Rubel – rund 4,3 Milliarden Euro – belaufen. Der Löwenanteil fließe in die Infrastruktur, von der jedoch die gesamte Schwarzmeerregion Krasnodar profitiere.

Der Wirtschaftsexperte Jewgeni Jassin von der kritischen Moskauer Hochschule für Ökonomie riet der verunsicherten Nation, weder Putin noch dessen Gegnern komplett über den Weg zu trauen. Die Wahrheit liege stets irgendwie in der Mitte. Wo die bei Olympia verlaufe, würden die Russen aber wohl nie erfahren, fürchtet er.