Schiedsrichter-TestIch Blinder hätte Freistoß gegeben

Als Sportreporter weiß ich vieles besser als der Schiedsrichter. Doch beim Test als Schreibtisch-Schiri sehe ich Handspiele ohne Hand und gebe Elfmeter, die keine sind. von 

Florian Meyer und Lutz-Michael Fröhlich (im Hintergrund)

Florian Meyer und Lutz-Michael Fröhlich (im Hintergrund)  |  © Christoph Schmidt/dpa

So wie Dennis Diekmeier vom HSV in den Zweikampf einsteigt, sehe ich ein klares Foul. Ich zeige die Gelbe Karte. Erst nach der dritten Wiederholung aus einer neuen TV-Perspektive sehe ich meinen Irrtum ein. Kein Foul, Diekmeier hat den Ball gespielt. Die Gelbe Karte stecke ich kleinlaut wieder ein. Der Schiedsrichter, der das Spiel in Wirklichkeit leitete, lag richtig.

Wie mir ergeht es vielen der rund hundert Sportreporter aus ganz Deutschland. Wir sind für einen Tag Schiri, Schreibtisch-Schiri. Der DFB und der Verband deutscher Sportjournalisten haben zu einem Workshop in ein Hotel nach Hannover geladen. Seit 2007 tun sie dies.

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Die Seminarleiter Lutz-Michael Fröhlich, der Schiedsrichtercoach des DFB, und der Bundesliga-Schiri Florian Meyer zeigen uns gut drei Stunden lang an der Leinwand knifflige Szenen der Hinrunde, halten das Bild an und fragen: Wie würdet Ihr entscheiden? Sie haben uns eine Gelbe und eine Rote Karte mitgebracht, die dürfen wir hochhalten.

Es ist ein Spiel, es macht Spaß, aber er ist auch eine Art Test. Ein Test für Besserwisser wie mich, die glauben, weil sie mal ein paar Jugendspiele gepfiffen haben, könnten sie auch bei den Großen mitmeckern. Und mich als Journalisten, der aus dem einzigen Fehler eine Schlagzeile bastelt, obwohl der Schiedsrichter sonst alles richtig gemacht hat.

In der Hinrunde las man viele Schlagzeilen über Schiedsrichter. Die gibt es zwar immer, doch diesmal unterliefen ihnen ein paar außergewöhnliche Fehler: das falsche Tor von Hoffenheim, einige echte, die nicht zählten, ein paar heftige Wahrnehmungsschwächen bei Abseitsentscheidungen. Und fast alle Trainer der Teams aus dem unteren Tabellendrittel klagten, dass die Kleinen benachteiligt und anders behandelt werden als die Großen. Der Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel hat die Leistungen seiner Schützlinge sogar öffentlich bemängelt.

Ich brauche fünf Zeitlupen

An diesem Tag wollen die Schiris um Verständnis werben für die Fehler und klarmachen, wie schwer es ist, Schiedsrichter zu sein. Er muss in einem immer schnelleren Spiel ständig schwere Entscheidungen treffen und dabei so vieles bedenken. War das eine Notbremse, wurde eine Torchance verhindert oder hätte der Gefoulte den Ball gar nicht kontrollieren können? Wann ist Hand Hand? Und die seit dieser Saison gültige Abseitsregel macht nur den Stürmern das Leben leichter.

Erschwerend kommt hinzu, dass dem Schiedsrichter alle bei seiner Arbeit zuschauen und sie kommentieren: 70.000 Leute im Stadion, Millionen am Fernseher, zweiundzwanzig verzogene Jungstars, ein verrückter Klopp am Seitenrand und wir Presseheinis.

Was sieht man nicht alles besser als der Schiri – wenn man vor der Glotze oder auf der Tribüne sitzt! Und wie oft liege ich heute daneben! Um Martin Harniks Ellenbogenschlag gegen Marcel Schmelzer im Länderspiel Deutschland gegen Österreich zu erkennen, brauche ich fünf Zeitlupen. Leon Andreasen tritt seinen Hoffenheimer Gegenspieler fies mit der Sohle gegen die Wade. Statt meine Rote Karte zu heben, lasse ich weiterspielen.


Leserkommentare
  1. ...dürften Sie ruhig meckern. Sie dürften aber auch ruhig eingestehen, wenn Sie ihre Einschätzung später noch korrigieren mußten. Das wäre ein Schritt, der mir sehr viel Respekt abverlangen würde.
    Ansonsten drücke ich Ihnen die Daumen für Ihr Vorhaben...

    • Statist
    • 22. Januar 2014 16:53 Uhr

    aber vieles wäre nicht zwingend.

    In anderen Sportarten gibt es (zumindest auf dem höchsten Spielniveau) sowohl einen Zeitstopp als auch die Möglichkeit, das Geschehene noch einmal in Zeitlupe, ggf. auch aus verschiedenen Richtungen, zu verfolgen.

    Geld genug wäre im Fußball mindestens ab der 3. Liga vorhanden, und die Technik müsste man ja nicht mal transportieren... Die Installation kostet vielleicht 10.000 - 30.000 Eur ... pro Stadion, also nichts, was ein Club nicht im Monat für durchschnittliche Spieler ausgeben würde (zumindest in den ersten beiden Ligen).

    Dass Entscheidungen während der Spielzeit auch mal daneben gehen können, wenn man derartige Technik eben nicht hat, sehe ich bei uns im Amateur-Bereich (auch bei anderen Sportarten) immer wieder, und ich weiß es aus eigener Erfahrung. Um so mehr verstehe ich nicht, warum man sich dagegen wehrt.

    Einziges Problem bei zu viel Einsatz von Technik: man kann nicht mehr so einfach laufen lassen.

    2 Leserempfehlungen
  2. "70.000 Leute im Stadion, Millionen am Fernseher, zweiundzwanzig verzogene Jungstars, ein verrückter Klopp am Seitenrand und wir Presseheinis."

    Und das für um die 4000 Euro pro Spiel - niemals würde ich mir den Stress geben.

    Ich hab einige Male Jugendspiele gepfiffen - man glaubt gar nicht, wie schwer das ist. 20 Meter von mir entfernt schießt ein Stürmer aufs Tor, der Verteidiger blockt, der Ball landet irgendwie zwischen beiden und dann im Toraus. Tja, Ecke oder Abstoß? Ich hab überhaupt nix gesehen. Man muss sich permanent innerhalb von einer Sekunde festlegen und hinterher noch beleidigen lassen.

    Es ist schon verständlich, dass es im Amateurbereich kaum noch Schiedsrichter gibt. Wer sich diesem Stress, diesen Beleidigungen und Drohungen für eine warme Bratwurst freiwillig aussetzt, ist entweder masochistisch veranlagt oder identifiziert sich mit dieser Tätigkeit komplett.

    4 Leserempfehlungen
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    • Filosov
    • 22. Januar 2014 18:27 Uhr

    Es gibt keinen Job beim Fußball, der näher dran ist, außer man spielt selber. Und dann gibt es auch Spiele, in denen man so ziemlich alles richtig macht, alle mehr oder weniger glücklich sind und es einfach Spaß macht.
    Jedenfalls hat man mit einer Menge Leute zu tun, darf bestimmen und bekommt doch einigen Respekt zurück. Und manchmal auch "negatives Feedback", das stärkt im besten Falle aber die Kritikfähigkeit und regt zur Reflexion an, die aber auch beinhaltet, Blödsinn von berechtigter Kritik zu untescheiden. Jedenfalls hat man Verantwortung, das macht schon Spaß.

    ich würde sagen, es stärkt die Persönlichkeit.

    Es sollen ja sechs Augen darauf achten & der Schiedsrichter entscheidet dann...

    • Filosov
    • 22. Januar 2014 18:27 Uhr

    Es gibt keinen Job beim Fußball, der näher dran ist, außer man spielt selber. Und dann gibt es auch Spiele, in denen man so ziemlich alles richtig macht, alle mehr oder weniger glücklich sind und es einfach Spaß macht.
    Jedenfalls hat man mit einer Menge Leute zu tun, darf bestimmen und bekommt doch einigen Respekt zurück. Und manchmal auch "negatives Feedback", das stärkt im besten Falle aber die Kritikfähigkeit und regt zur Reflexion an, die aber auch beinhaltet, Blödsinn von berechtigter Kritik zu untescheiden. Jedenfalls hat man Verantwortung, das macht schon Spaß.

    ich würde sagen, es stärkt die Persönlichkeit.

    Antwort auf "Schiris habens schwer"
  3. Es sollen ja sechs Augen darauf achten & der Schiedsrichter entscheidet dann...

    Antwort auf "Schiris habens schwer"
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    Seit wann gibts im Amateurbereich Linienrichter? Im Zweifelsfall machen das die Trainer. Wie "fair" das dann zugeht, kann sich jeder selbst ausmalen.

  4. Ich selbst hätte einfach nicht in jedem Moment diese Kombination aus Wahrnehmungsschärfe, gedanklicher Schnelligkeit und Kondition, um jemals ein uter Schiedsrichter zu sein.
    Gelegentlich ist Meckern aber doch erlaubt. Vor allem bei Weltmeisterschaften scheinen das internationale Proporz, eine gewisse Hysterie und/oder Willkür bei den Funktionären, was bestimmte Regelauslegungen angeht und der hohe Leistungsdruck auf die Schiedsrichter in den Vorrunden regelmäßig Exzesse von Fehlentscheidungen zu verursachen. Ich erinnere an das Spiel Deutschland gegen Serbien 2010. Nicht, dass die deutsche Mannschaft allein wegen des Schiedsrichtersverloren hätte - aber die damalige Kartenflut war absurd. Und es ist nicht das einzige Beispiel.

  5. Seit wann gibts im Amateurbereich Linienrichter? Im Zweifelsfall machen das die Trainer. Wie "fair" das dann zugeht, kann sich jeder selbst ausmalen.

    Antwort auf "Linienrichter?"
    • lxththf
    • 22. Januar 2014 23:48 Uhr

    und es wäre toll, wenn einige Journalisten der ARD/Sportschau, ZDF/aktuelle Sportstudio, Sport1/Doppelpass und 2. Liga mit anwesend waren, denn die andauernden Diskussion um Schiedsrichterfehlentscheidungen, die teilweise sehr viel Sendezeit gefressen haben, oder in diesem Fall, geschriebenen Text, hätte man mit vielen anderen schönen Szenen oder Diskussionen füllen können.
    Die Schiedsrichter tragen manchmal dazu bei, dass sie kritisiert werden, z.B. durch Gesten und dem gesamten Feldherrnhabitus, aber am Ende ist es der vielleicht schwerste Job, denn ein Schiri muss sich auf 22Mann, den Ball, das Feld etc. konzentrieren, ohne sich von vorherigen Fehlern verunsichern zu lassen.

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