Für ihren Auftritt in Oberstdorf 2006 bekamen Birgit Aust und Georg Kling eine Menge Beifall. Eng umschlungen glitten sie übers Eis, jede Bewegung harmonierte mit der Musik. Bei der Jury sorgte das Eistanz-Paar jedoch für große Empörung. Und genau das war ihr Plan. Die beiden hatten einfach ihre Rollen getauscht. Birgit Aust tanzte die Herrenschritte und Georg Kling die Damenschritte. Bis zu diesem Tag hatte es keine Regel gegeben, die das verbot. Kurz darauf wurde sie eingeführt.

Das ist nicht die einzige Eiskunstlauf-Regel, die daraufhin überprüft werden müsste, ob sie noch zeitgemäß ist. Laut den Regeln 302 und 303 der Internationalen Eislauf-Union (ISU) muss ein Paar beim Eiskunstlauf aus einer Frau und einem Mann bestehen. Nur dann ist eine Teilnahme an offiziellen Turnieren möglich.

In der modernen Gesellschaft hat sich unser Begriff vom Paar aber aufgelöst. Auch im Sport. Thomas Hitzlsperger, haben wir jüngst erfahren, liebt Männer. Doch der Eiskunstlauf hält am Althergebrachten fest. Das wiegt schwer, weil seine Art und sein Wesen ein bestimmtes Bild vom Paar-Sein transportieren, eine Vorstellung davon prägen. Man fasst sich an. Man tanzt. Man verhält sich als Paar.

Birgit Aust hat gezeigt, dass es für eine Frau kein Problem sein muss, den Männer-Part zu tanzen. Was spricht also dagegen, zwei Frauen oder zwei Männer gemeinsam antreten zu lassen? Warum spiegeln die Regeln ein längst überholtes Geschlechtsbild wider?

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war es üblich, dass zwei Frauen antraten, aber nur, weil es kaum männliche Partner gab. Heute ist das nicht mehr erlaubt. Auch wenn die ISU ihr Regelwerk mit den Jahren mehrfach überarbeitet hat, der "Mann-und-Frau-Paragraf" steht noch drin.

Wladimir Putin dürfte das freuen. Ein gleichgeschlechtliches Eiskunstlauf-Paar bei den Olympischen Spielen in Sotschi würde er wohl persönlich disqualifizieren. Dabei ist es kein Geheimnis, dass überdurchschnittlich viele Männer, die professionell tanzen, egal ob auf Eis oder Parkett, homosexuell sind. Mit ihren Tanzpartnerinnen geben sie ein schönes Bild ab, ganz im Sinne der Tradition.

Befürworter der alten Regel führen sportliche Gründe für ihre Existenz an. So sagt etwa Udo Dönsdorf, der Sportminister der Deutschen Eislauf Union, dass es beim Eiskunstlauf entscheidend sei, dass die Größen-und Kraftverhältnisse beider Partner aufeinander abgestimmt seien. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren müsste also einer groß und kräftig sein, der andere kleiner und leichter sein. An diese körperlichen Grundregeln müssen sich aber auch Zirkusartisten halten, bei ihnen bestehen sogar die meisten Show-Elemente aus reinen Frauen- oder Männergruppen.