Auf dem Blatt war es das stärkste Turnier der Schachgeschichte: Erstmals lag die gemittelte Weltranglistenzahl aller Teilnehmer bei über 2.800 Elopunkten. Ausschließlich Top-Ten-Großmeister waren zum Zürich Chess Challenge eingeladen. Und auch das Format war eine Premiere. Zunächst trat jeder gegen jeden bei zwei Stunden Bedenkzeit für die ersten 40 Züge an. Am Ende spielten alle noch einmal gegeneinander mit 15 Minuten Grundzeit und zehn Sekunden vor jedem Zug. Die Schnellpartien flossen in die Schlussabrechnung ein, wobei die Punkte aus den langen Partien doppelt zählten.  

Ausgedacht hat sich das Oleg Skworzow. Der Russe war selbst ein talentierter Junior, bevor er sich aufs Studium konzentrierte und im Diamantengeschäft ein Vermögen machte. Der Mäzen verfolgte das Spektakel aus der ersten Reihe.

Für Magnus Carlsen war es das erste Turnier, seit er im November im indischen Chennai Schachweltmeister geworden ist. In den langen Partien holte er drei Siege, zwei Remis und blieb ungeschlagen. Viel klarer konnte man eine solche Konkurrenz nicht anführen. Allein Lewon Aronjan hielt zunächst mit und bestätigte die gute Form, die er schon bei seinem Turniersieg im Januar in Wijk aan Zee gezeigt hatte. Viswanathan Anand schrammte nach seiner deutlichen WM-Niederlage knapp an einer weiteren Blamage vorbei.        

Für die Puristen war das Turnier nach den langen Partien beendet. Für alle anderen, die ins Hotel Savoy Baur-en-Ville pilgerten, war das Schnellschach der Höhepunkt. Am Ende des Tages waren der Mäzen Skworzow und das Publikum vollauf zufrieden – doch von den Spielern war es keiner mehr. 

Caruana und Nakamura die besten Schnellen

Hatten sie in den langen Partien drei Minuten pro Zug, müssen sie sich im Schnellschach gemittelt binnen einer halben Minute entscheiden. Dabei geraten die Stellungen leichter aus dem Gleichgewicht. Selbst die Besten behalten weniger Kontrolle. Carlsen wurde von Aronjan und Fabiano Caruana klar überspielt. In der letzten Runde steuerte er gegen den bis dahin arg gebeutelten Anand mit Weiß ein Remis an, um seinen zuvor großen Vorsprung in der Gesamtwertung nicht noch ganz zu verspielen. 

Aronjan begann vergnügt, grinste oft schelmisch, während er nacheinander den vorigen und den jetzigen Weltmeister abfertigte. Als einziger sprang er während der kurzen Partien immer wieder auf, um sich ein Wasser zu holen oder seine Jacke aus- und kurz darauf wieder anzuziehen. Seine Nervosität hielt er so nicht in Schach und konnte den Rückstand auf Carlsen nicht wettmachen. Caruana und Nakamura, die beiden Erfolgreichsten im Schnelldurchgang, versöhnten sich einigermaßen mit ihren bei langer Bedenkzeit verpassten Chancen.  

An der Kombiwertung hatte hinterher keiner der Großmeister etwas auszusetzen. "Ich spiele mit jeder Bedenkzeit, die der Sponsor haben will", sagt Caruana. Der Amerikaner mit italienischem Pass und Wohnsitz in Madrid kann sich vorstellen, dass andere Einladungsturniere das Format übernehmen. Nur Gelfand fand es "eine verpasste Gelegenheit: Es hätte ein Turnier werden können, an das man noch lange zurückdenkt." Dann nämlich, so der israelische Vizeweltmeister von 2012, wenn jeder gegen jeden eine lange Partie mit Weiß und mit Schwarz bestritten hätte. So wie 1996 in Las Palmas, als die damals sechs Besten aufeinandertrafen.  

Wenn es nach dem damaligen Sieger und Ex-Weltmeister Garri Kasparow geht, sollen lange Partien, Schnellpartien, ja sogar als "Blitz" bezeichnete Partien mit fünf oder weniger Minuten pro Spieler sogar in einer integrierten Weltrangliste gemeinsam ausgewertet werden. Der Weltschachbund hat dagegen gerade erst eigene Wertzahlen für Schnellschach und Blitzschach eingeführt, die aber kaum beachtet werden.