Müssen sie jetzt doch ins Lager nach Sibirien, um dort weiter nach Gold zu graben? Das würde den Eishockeyspielern seines Landes blühen, wenn sie das olympische Turnier nicht gewinnen würde, hatte der russische Überspieler, zweimalige Olympiasieger und ehemalige Sportminister Wjatscheslaw Fetissow vor wenigen Tagen behauptet – im Scherz. Jetzt aber ist der Ernstfall eingetreten, der GAU dieser Spiele, ganz ohne Terroristen oder schmutzige Bomben: Russlands Eishockeyteam ist ausgeschieden, im Viertelfinale schon, nach einem 1:3 gegen ein quicklebendiges Finnland.

Diese Goldmedaille wollten die Gastgeber wie keine andere. Klar wurde auch jeder andere russische Sieg bejubelt; noch eine Stunde vor dem Anpfiff klatschten und johlten die russischen Kollegen im Pressezentrum begeistert beim Sieg ihres Snowboarders Victor Wild. Aber was ist das junge Snowboarden gegen Eishockey! Die Sportart, die den Russen im Blut liegt, der Natur ihres Landes entspricht, wo Eis und Frost in weiten Teilen monatelang das Leben bestimmen. Sogar ihre Religion sei es, sagen manche von ihnen, ihr Höchstes schon seit den eigentlich atheistischen Zeiten der Sowjetunion.

Damals führte der kollektive Drill der immer wieder kasernierten Staatsamateure zu einer jahrzehntelangen Dominanz der Sbornaja, die sogenannte Rote Maschine lief wie geschmiert. Doch nun, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kommunismus, ist Eishockey ein globalisierter Sport, die nationalen Stile sind verschwunden, das schnelle, technische, direkte Spiel beherrschen längst viele Nationalmannschaften. Gedrillt wird jetzt nicht mehr in abgeschotteten Trainingslagern, sondern jeden Tag in den Clubs der nordamerikanischen NHL – wo längst auch die besten Russen spielen – und der russischen Gegengründung, der KHL, die schnell zur zweitbesten Liga der Welt wurde, und in der unter anderem acht der siegreichen Finnen aktiv sind.

In den Abgrund gestoßen

Zu Beginn des Turniers hatte Fetissow noch damit gehadert, dass der letzte russische Nationalspieler erst zwölf Stunden vor dem ersten Match in Sotschi ankam. Zu seiner Zeit als Sportminister hatte er den Bau von 300 neuen Eishallen auf den Weg gebracht, um die Nachwuchsbasis breiter zu machen und auch in globalisierten Zeiten das herzustellen, was seine Teams ausgezeichnet hat: Einheit und blindes Verständnis.

Vor den gleichen Problemen stehen freilich alle internationalen Spitzenteams. Auch ihre Spieler sind diesseits und jenseits des Erdballs, irgendwo zwischen Nowosibirsk und Phoenix, Arizona verstreut. Die Finnen kommen damit offenbar besser zurecht, zumindest bei diesem Turnier. Eine Überraschung freilich ist das nicht. Auch in Finnland ist Eishockey Nationalsport, 67.000 Spieler in fast 3.000 Teams bevölkern allein die 250 Spielfelder im Heimatland, von den auswärts tätigen Profis ganz zu schweigen. Zurzeit liegt das Team auf Platz zwei der Weltrangliste, hinter Schweden, aber einen Platz vor Russland, das sie nun fürs Erste nicht nur hinter sich lassen, sondern in einen Abgrund stoßen.

Dabei fängt alles so gut an für die Gastgeber. Schon nach acht Minuten gehen sie, die bislang in keinem Spiel richtig überzeugen konnten, in Führung. Gleich das erste Überzahlspiel nutzt Ilja Kowaltschuk, aus der NHL nach Sankt Petersburg zurückkehrt, dort aber längst nicht mehr so treffsicher. Die explosive Freude des Torschützen zeigt den Druck, unter dem das Heimteam steht. 

Lieber noch mal abspielen

Doch auch die Führung macht die Spieler nicht frei, unpräzise agieren sie, nicht so dominant, wie man das tun muss, um seine Ansprüche auf ein olympisches Halbfinale durchzusetzen. Nur anderthalb Minuten später kassieren sie den Ausgleich, in einer Art und Weise, wie es einem echten Spitzenteam nie und nimmer passieren darf: Von außen kommend kann Juhamatti Aaltonen nicht nur einen russischen Verteidiger ausspielen, sondern auch noch Torwart Semjon Warlamow in der kurzen Ecke düpieren – ein Bauerntrick, sagt man wohl dazu.

Die Russen bleiben optisch überlegen, aber die Finnen – mit einem Spiel weniger in den Beinen – sind fit. Und schnell. Kurz vor Ende des ersten Drittels vollendet Finnlands Kapitän Teemu Selänne einen Konter und plötzlich wird das Undenkbare für die Russen sehr real. Immer schwächer werden Passspiel und Annahme. Nur für Momente zeigt sich, wie schnell und gewandt das Team sein könnte. Doch nun werden selbst große Chancen nicht genutzt, wird der Puck nicht richtig getroffen oder im letzten Moment die falsche Entscheidung. Sie spielen noch einmal ab, wo ein bisschen Eigensinn vielleicht produktiver wäre. Aber dann wäre auch der Druck der Verantwortung größer.