Ermutigt durch Thomas Hitzlsperger hängt der Fanclub zum ersten Mal sein Banner auf, mit Panzertape an die Betonbrüstung von Block 72 im Oberrang. Sieben Meter lang ist es, anderthalb hoch, aus PVC-B1, schwer entflammbar. Und weiß, nicht regenbogenbunt.   

Schalke geht vor schwul

Auch Worte wie schwul, homosexuell oder Homophobie stehen nicht darauf. "Das interessiert auch keinen, da liest niemand weiter", sagt Martin, der seine Diplomarbeit über die Schalker Arena und deren Strahlkraft in der Region geschrieben hat und für den Verein Besucher durchs Stadion führt. Außerdem wolle man eine Positivbotschaft aussenden. "Wir leben den Mythos mit Vielfalt und Toleranz", steht darauf. Neben dem Spruch hocken zwei Vereinslogos auf fast pflichtschuldig wirkenden kleinen Regenbogenmustern. Schalke geht vor schwul.

Vor seinen Eltern hat sich Martin schon vor zehn Jahren geoutet, gegenüber den Arbeitskollegen auf Schalke erst vor zwei Wochen. Die erste Reaktion war eine SMS mit dem Wortlaut: "Du bist mein Kumpel. Für mich ändert sich nix."

Weder Martin noch die anderen können sich an Pöbeleien oder Schlimmeres erinnern. Auf Nachfrage berichtet das Netzwerk Queer Football Fanclubs, dass kein Fall von körperlicher Gewalt gegen schwule oder lesbische Fans bekannt ist. Das Schlimmste war eine Spuckattacke in Kaiserslautern von anderen Lautern-Fans.

Es gibt größere Probleme

Bei aller Entspanntheit ist auch klar: Die Toleranz im Stadion ist relativ. Die Männer und Frauen von Andersrum auf Schalke treten defensiv auf und nehmen vielleicht nicht hin, aber doch zumindest in Kauf, dass ihre Freiheit eingeschränkt ist. "Ich könnte meinen Partner sicher nicht in jeder Ecke des Stadions einfach so küssen", sagt Ma, und Michael Voit ergänzt: "Es gibt ja auch keinen Grund, im Stadion wild rumzuknutschen." Einig sind sich alle darin, dass es im Fußball weit größere Probleme gebe als Homophobie. Fan- und Polizeigewalt zum Beispiel oder auch Rassismus.

Vielleicht ist es ja wirklich kein großes Thema. Egal, Hauptsache Schalke, "jeden dat Seine" und so weiter. Es wird sich zeigen: Die Grenzen werden sich verschieben. Martin hat Gefallen an der Idee gefunden, seinen Freund in der Nordkurve zu küssen. Vorher muss er aber noch ein echtes Hetero-Problem lösen: Seine bessere Hälfte kriegen nämlich keine zehn Pferde ins Stadion.