Die Athleten aus der Ukraine dürfen keinen Trauerflor tragen, um der Toten auf dem Maidan zu gedenken. Die Olympische Charta untersagt den Athleten politische Statements. Daher ist diese Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) formal korrekt – im Gegensatz zum Verbot für die Norwegerinnen, die vorige Woche aus privaten Gründen Schwarz tragen wollten.

Ob die Entscheidung auch richtig ist, ist eine andere Frage. Vor allem aber entlarvt sie erneut einen olympischen Mythos: den Mythos vom unpolitischen Sport, von den unpolitischen Spielen.

In Sotschi mögen die besten Wintersportler der Welt ihre Wettkämpfe austragen. Aber die Welt schaut nicht mehr auf Sotschi. Rund 1.400 Kilometer nordwestlich, in Kiew, zählt man die Toten. 25 sind es bislang, vermutlich werden es nicht die letzten sein. Pikanterweise ist es ein Konflikt, den der Gastgeber der Spiele, Wladimir Putin, wenn auch nicht gewollt, aber sicher beeinflusst hat.

Wer geglaubt hat, Sotschi würde eine politische und rechtliche Öffnung Russlands auslösen, hat sich getäuscht. Nicht mal während der Spiele verstellt sich Putin: Nach wie vor schikaniert und schüchtert er politische Gegner ein, sperrt sie weg, geht gegen Menschenrechtler und Umweltaktivisten vor. Meinungsfreiheit lässt er nicht zu.

Zwei Beispiele aus den vergangenen drei Wochen: Der Olympia-Kritiker Jewgeni Witischko wurde zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt. Wegen Sachbeschädigung eines Zauns, dessen Existenz die Staatsanwaltschaft im selben Prozess noch geleugnet hatte. Einer der wenigen neutralen russischen TV-Sender fragte seine Hörer, ob es richtig war, die Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht fast drei Jahre lang durchzuhalten. Darauf wurde der Sender wegen "Provokation" wohl auf Druck aus dem Kreml großteils vom Netz genommen.

An Putins Seite steht das IOC. Brav, treu, ignorant. Das hohe, weihevolle Lied vom olympischen Frieden und der völkerverbindenden Wirkung der Spiele vernimmt man oft. Die erschreckenden Bilder aus Kiew nimmt es nun aber wie so vieles achselzuckend hin. 

Dass Mitgliederinnen von Pussy Riot festgehalten wurden? Geht das IOC nichts an, die sollen woanders provozieren. Debatten über Diskriminierung der Homosexuellen? Bitte nicht auf dem Rücken der Sportler. Der absurde und politische Prozess gegen Witischko? Hat nichts mit Olympia zu tun, ließ sich das IOC von den Behörden versichern. Bestenfalls kann man diese Haltung naiv nennen.

Verantwortlich für diese Naivität ist Thomas Bach, seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Sportfunktionäre. Nach mehreren Niederlagen in Volksabstimmungen, auch in München, kündigte er im IOC Reformen an. Dass sich das IOC nicht in einem halben Jahr auf den Kopf stellen, ist zwar klar.

Sotschi, sein erster großer Auftritt als IOC-Chef, wäre eine Chance gewesen, die Glaubwürdigkeit des IOC wieder zu stärken. Doch er lässt Putin auf der großen Bühne gewähren, stärkt ihn dadurch. Setzt er in den nächsten Tagen seine radikale Appeasement-Politik fort, enttäuscht Bach selbst diejenigen, die wenig erwartet haben.