Die Norwegerin Therese Johaug umarmt ihre Landsfrau Marit Bjoergen (rechts, mit Trauerflor). © Roland Schlager/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Lambertz, das IOC hat das norwegische Olympiateam wegen ihres Trauerflors ermahnt. Was sagen Sie dazu?

Paul Lambertz: Diese Entscheidung ist nicht durch die Olympische Charta gedeckt, auf die sich das IOC beruft. Regel 50 verbietet zwar politische und religiöse Äußerungen. Aber ein Trauerflor für ein direktes Familienmitglied fällt nicht darunter.

ZEIT ONLINE: Was kann die Mannschaft tun?

Lambertz: Eine Ermahnung ist eine offizielle Handlung, das muss sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie könnte vor einem Ad-hoc-Schiedsgericht des Internationalen Sportgerichts CAS  dagegen vorgehen, ihre Chance auf einen Sieg wäre sehr gut. Andererseits kann ich verstehen, dass man sein Recht auf Trauerbekundung nicht rechtlich durchsetzen will.

ZEIT ONLINE: Ist die Regel 50 nicht eine Bevormundung?

Lambertz: Ja und Nein. Wir Demokraten wünschen uns auf der einen Seite den mündigen Sportler. Aber was würden wir sagen, wenn ein russischer Medaillengewinner auf der Siegerehrung seine Sympathie für die Antihomosexuellengesetze mitteilte? Oder wenn ein Nordkoreaner mit einer schwarzen Armbinde um seinen verstorbenen Diktator trauerte? Er könnte es mit unpolitischen Motiven begründen, etwa dass er ihm nahe gestanden habe wie ein Familienmitglied.

ZEIT ONLINE: Kein Regelwerk kann alle Einzelfälle vorsehen.

Lambertz: Ja, die Auslegung von Regeln verlangt Fingerspitzengefühl. Das scheint beim IOC nicht vorhanden, das zeigt diese Entscheidung. Das IOC wäre gut beraten, diese emotionale Frage nach den Olympischen Spielen zu beraten, und entweder das Bekunden von Trauer explizit zu verbieten oder es zu erlauben – in welchen Grenzen auch immer.

ZEIT ONLINE: Der norwegische Verband kritisiert die Entscheidung des IOC und rechtfertigt den Trauerflor: "Wir sind alle Menschen und halten dies in solch einer tragischen Situation für die angemessene Form", sagt eine Führungskraft des norwegischen Olympia-Komitees.

Lambertz: Trauerbekundung ja oder nein – das ist natürlich nicht nur eine Rechtsfrage. Die Entscheidung des IOC war vor allem eins: menschlich kalt. Vermutlich will es dadurch seine Macht gegenüber den Athleten demonstrieren.

ZEIT ONLINE: Das Signal wirkt auch auf andere. Der kanadischen Mannschaft ist nun auch während der Wettkämpfe untersagt, der vor zwei Jahren verunglückten Ski-Freestylerin Sarah Burke zu gedenken.

Lambertz: Es geht in der Tat nicht nur um die norwegische Mannschaft. Ein mittlerweile klassisches Phänomen wird hier sichtbar: Die Sportverbände sind von ihren Athleten entrückt.