ZEIT ONLINE: Frau Staab, wie heiß ist es in Doha?

Monika Staab: Wir haben 25 Grad Celsius, etwas Wind, optimal zum Leben und zum Fußball spielen. Es ist die schönste Zeit. Zwischen Oktober und März sind die Monate, in denen man es hier wunderbar aushalten kann. Danach wird es wärmer.

ZEIT ONLINE: Sie ahnen, worauf ich hinauswill.

Staab: Zwischen Juni, Juli, August kann sicherlich keine Fußball-WM in Katar stattfinden. Das ist Fakt.

ZEIT ONLINE: Wird in der Liga während dieser Zeit gespielt?

Staab: Der Ramadan fiel in den vergangenen Jahren in diese Phase. Das wird sich wieder ändern. Aber dadurch passiert nicht viel hier. Die meisten Spieler aus dem Ausland gehen in die Heimat. Bei 45 oder 50 Grad kann man keinem Fan zumuten, einen Ausflug in die Wüste zu machen oder sich irgendwo im Freien aufzuhalten.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten seit einem Jahr als Trainerin der Frauen-Fußballnationalmannschaft Katars. Fühlen Sie sich als Exotin?

Staab: Für mich war es nicht ganz so exotisch. 2007 war ich zum ersten Mal in Bahrain in dieser Funktion. Das war exotisch. Ich kannte die muslimische Welt nicht, die Mentalität, das Leben hier. Ich habe seitdem außer Saudi-Arabien alle arabischen Länder besucht, daher wusste ich, was jetzt auf mich zukommt.

ZEIT ONLINE: Wie geht es dem Frauenfußball in Katar?

Staab: Es ist erstaunlich, mit welchen Schritten es hier vorangeht. Wie sie den Frauenfußball voranbringen trotz der kulturellen Barrieren und Vorurteile. Bei uns war es vor 44 Jahren nicht anders. Da hieß es, Frauen sollten aus gesundheitlichen Gründen keinen Fußball spielen. Für uns ist das heute nicht mehr nachvollziehbar.

ZEIT ONLINE: Und wie weit ist Katar in dieser Hinsicht?

Staab: In Katar wird die Frage gestellt: Dürfen Frauen spielen? Sie kriegen dann keinen Mann, keine Kinder, verlieren ihre Weiblichkeit. Natürlich ist das extremer als bei uns damals. Wir haben uns emanzipiert, haben auch erst 1984 richtig Fuß gefasst, wo es hieß: Wir brauchen eine Nationalmannschaft. Dann ging alles schnell: Vom ersten EM-Titel 1989, der viele Türen öffnete, bis zum ersten WM-Sieg 2003. Der hat den Frauenfußball erst richtig ankommen lassen in der deutschen Gesellschaft. Dass jede Frau, die spielen will, auch die Erlaubnis hat, ist hier noch ein ganz langer Weg.

ZEIT ONLINE: Woran erkennen Sie das?

Staab: Ich hatte gerade eine Auswahl von 30 Mädchen in einer Schule. Alle sehr talentiert. Sage und schreibe eine durfte von den Eltern aus spielen.

 ZEIT ONLINE: Warum sind Sie gerade nach Katar gegangen?

Staab: Ich habe gesehen, dass sie etwas bewegen wollen. Dass sie versuchen, den Frauenfußball zu fördern. Das war für mich ein erster Grund. Katar ist ein Zugpferd für die Region. Saudi-Arabien darf sich als einziges von 209 Fifa-Mitgliedern auf die Fahnen schreiben, Frauenfußball nicht zu erlauben. Natürlich spielen die in den Hinterhöfen, das weiß jeder. Nur offiziell darf es nicht sein. Wir haben letztes Jahr eine Saudi-Auswahl eingeladen. Die waren so froh, dass sie spielen durften.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von Fortschritten – Amnesty International dagegen bezeichnet Katar als Land, in dem Frauen immer noch benachteiligt werden.

Staab: Ich kann nur sagen, dass die Frauen, mit denen ich hier arbeite, in verantwortlichen Positionen sind. Wir unterstehen nicht dem Fußballverband, sondern einem Komitee, das für mehrere Sportarten zuständig ist. Da arbeiten nur Frauen. Die haben ganz normale Jobs mit verantwortungsvollen Positionen, fahren Auto, müssen sich nicht verschleiern. Ich selbst kann mich frei bewegen, nicht wie im Iran, wo ich mein Kopftuch aufziehen muss. Natürlich hat die Frau hier traditionell eine andere Rolle: Sie muss heiraten, Kinder kriegen. Doch zu Hause hat allein die Frau das Sagen. Ob Frauen spielen dürfen, hängt ganz stark von der Familie ab.