ZEIT ONLINE: Frau Swetikowa, seit zwei Jahrzehnten sind Sie Inhaber von Gelikon, einem russischen Buchladen in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg. Führen Sie auch Sportbücher?

Swetlana Swetikowa: Wenige. Gefragt sind eher Philosophie, Musik, Geschichte, Politik, Kultur. Doch halt! Über Schach haben wir einiges im Sortiment.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Nachfrage über Olympia und Sotschi?

Swetikowa: Gering, aber die Leute sprechen über die Spiele. Meine Kunden bewegt, was in Sotschi passiert. Etwa mit Jewgeni Pljuschtschenko, dem Eiskunstläufer, dem wir Russen jahrelang die Daumen gedrückt hatten. Und dann kann er im Einzel wegen einer Verletzung nicht antreten. Jetzt fragt sich mancher natürlich: Hätte er zugunsten eines Jüngeren verzichten müssen?

ZEIT ONLINE: Sind die Leute sauer auf Pljuschtschenko? Denken manche Russen nun: Warum stellt der sich wegen ein paar Schmerzen so an? Eine Flasche Wodka und dann wäre das wieder gegangen!

Swetikowa: Ich hoffe nicht, bin mir aber nicht sicher. Ich jedenfalls habe Mitleid mit Pljuschtschenko. So ein toller Sportler.

ZEIT ONLINE: Schauen Sie viel Olympia?

Swetikowa: Mein Sohn schaut fast alles. Ich weniger, ab und an schalte ich ZDF ein. Die Eishockey-Niederlagen gegen die USA und Finnland haben mir wehgetan. Eishockey ist wichtig. Nicht nur für mich, dachte ich, als ich Putin nach dem entscheidenden Tor in Großaufnahme sah.

ZEIT ONLINE: Welchen Eindruck machte er auf Sie in diesem Moment?

Swetikowa: Nervös. Nervös.

ZEIT ONLINE: Wer sind Ihre Kunden?

Swetikowa: Die meisten sind Russen. Wir arbeiten mit Slawistik-Instituten zusammen. Aber auch viele Deutsche zähle ich zu meinen Stammkunden. Es soll 500.000 Berliner geben, die Russisch sprechen.

ZEIT ONLINE: Im sogenannten Charlottengrad leben viele Russen und Menschen russischer Abstammung. In den zwanziger Jahren kamen viele Kriegs- und Revolutionsflüchtlinge hierher. Bei manchen Ärzten oder Notaren wird man noch heute erst mal auf Russisch angesprochen.

Swetikowa: Wenn ich nebenan durch die Wilmersdorfer Straße gehe, frage ich mich manchmal: Bin ich in Moskau? Charlottenburg spricht Russisch. Aber auch im Osten der Stadt leben viele Russen. Viel mehr als 1986, als ich mit meinem Mann nach Potsdam zog. In die DDR also.

ZEIT ONLINE: Berlin ist ein auch ein trauriger Ort der Geschichte unserer beiden Völker. Gehen Sie manchmal zu einem der drei Berliner sowjetischen Ehrenmale, wo der Zigmillionen toten Russen gedacht wird, die im Kampf gegen die Nazis starben?

Swetikowa: Ja, ich war manchmal in Treptow. Mir ist die Geschichte vertraut, mir ist die sowjetische Architektur vertraut. Ich würde mir wünschen, mehr Touristen würden sich diese Orte ansehen, nicht nur das Brandenburger Tor.

ZEIT ONLINE: Die Spuren aktueller russischer Kultur sind in Berlin leider dünn.

Swetikowa: Das stimmt. Mein Sohn und ich wollen das ändern. Im Mai werden wir in der Friedrichstraße ein Literaturcafé eröffnen. Wir werden regelmäßig Schriftsteller aus Russland zu Lesungen und Diskussionen einladen.

ZEIT ONLINE: Ist Sotschi Fluch oder Segen?

Swetikowa: Segen. Meine Landsleute haben die Spiele hervorragend organisiert. Sieben Jahre Vorbereitung haben sich gelohnt. Ich würde mir natürlich wünschen, wenn wir noch mehr Medaillen gewinnen würden. Und vielleicht sollte Schach olympisch werden.