Nur vier der fünf olympischen Ringe leuchten bei der Eröffnungsfeier in Sotschi. © Lionel Bonaventure/Getty Images

Olympische Eröffnungsfeiern sind die schönsten Rühreier der Kulturgeschichte. Stochern wir also ein bisschen in diesem scrambled egg a la russe herum, um herauszufinden, was die Gastgeber uns da in Sotschi aufgetischt haben. Den "wahren Russen" wolle er zeigen, hat Konstantin Ernst, der Regisseur und Drehbuchautor des Abends gesagt, jenen Urtyp, den es vor der ideologischen Verformung durch stalinistische Propaganda und Kalten Krieg mal gegeben haben soll. So steht es jedenfalls in dem atlasdicken Kochbuch zur Zeremonie, das an die Journalisten verteilt wurde. Das Mädchen Lubov (russisch für Liebe) präsentiert die feminine Seite Russlands, und so soll die Welt endlich erfahren, wie das Riesenreich wirklich ist – klein, süß, liebenswert.

Aber dieses Selbstbild war dann wohl doch zu viel des Understatement für einen Abend, an dem ausschließlich russische Künstler auftraten und die russische Flagge dank eines Föns im Fahnenmast immer stramm flatterte. Außerdem lässt sich mit Niedlichkeiten keine dreistündige Stadionshow bestreiten, wo alles groß, laut und pathetisch sein muss. Also wurde buchstäblich und nach dem russischen Alphabet alles durchbuchstabiert, was das Land der Welt geschenkt hat.

Dabei bewiesen die Macher einen wirklich bewundernswerten Mut zur Kultur: Musik von Borodin und Schnittke, Szenen nach Tolstoi, schließlich ein suprematistisches Ballett über den Zusammenhang von industrieller Revolution und Avantgarde nach Motiven von Rodschenko und Malewitsch – sowas trauen sich die Kultursendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schon lange nicht mehr. Und nun mussten sie es zur besten Sendezeit übertragen!

Allerdings hätten es die Gastgeber fast geschafft, ihre eigentlich unsterbliche Nationalhymne in einer Art extended disco version zu Tode zu dröhnen. Aber wer als Nation noch Schwanensee in petto hat, der kann eigentlich nichts kaputtmachen.

Womit wir beim natürlich auch hochsymbolisch zu lesenden Ausfall eines olympischen Rings wären: Ausgerechnet der amerikanische versagte seinen Leuchtdienst! War das nun die Retourkutsche für Obamas Fernbleiben? Oder kam die erst ganz zum Schluss, als Irina Rodnina das olympische Feuer entzünden durfte? Vor Kurzem erst hat die legendäre Eiskunstläuferin ein rassistisches Bild gepostet, das den US-Präsidenten mit einer Banane zeigte. Zur Belohnung gehörte ihr nun der größte Moment der ganzen Show.

Fragen zum regenbogenfarbenen Outfit der deutschen Mannschaft

Ähnlich hallten alle großen Themen der Vorspielezeit in der Eröffnung nach: Wir deutschen Journalisten wurden gefragt, ob das beinahe regenbogenfarbene Outfit der deutschen Mannschaft etwa eine Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben sei? Gemeint war es so sicher nicht, aber umso besser, wenn es so ankommt. Im Warm-up vor Beginn der TV-Übertragung sangen ja auch ein paar der größten russischen Stimmen Musik von Freddy Mercury – der Leadsänger von Queen, nur zur Erinnerung, war homosexuell und starb an AIDS. Auch diese Botschaft war sicher nicht beabsichtigt, aber das ist ja das Schöne an der Kunst: Manchmal ist sie klüger als ihre Schöpfer und Verwender und macht sich einfach selbständig.

Nur die mit Spannung erwartete Rede des neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach hatte keinen doppelten Boden – oder allenfalls für Leute, die mit dem Spezialhörgerät seinen Worten lauschten. Wenn man den Hinweis auf die mitunter "schwierigen Bedingungen", unter denen Zehntausende Gastarbeiter für die Spiele zu schuften hatten, schon als Kritik an den Organisatoren wahrnimmt, dann hört man auch die Flöhe husten. Und sein Loblied auf die "Einheit in Vielfalt", in der manche schon ein Wort gegen die Homosexuellen-Gesetzgebung in Russland erlauscht haben wollten, singt der Fechter aus Tauberbischofsheim schon seit Beginn seines Kampfs um den IOC-Chefposten – also sehr lange.