Der deutsche Langläufer Johannes Rydzek nach seinem Sturz in der Nordischen Kombination © John MacDougall/AFP/Getty Images

Bekäme die deutsche Mannschaft für die Spiele von Sotschi ein Schulzeugnis, müsste dort drinstehen: Klassenziel verfehlt. 27 bis 30 Medaillen, ein "Wiederholen der Ergebniskonstellation von Vancouver", hatte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), gefordert. Vor vier Jahren in Kanada gewannen deutsche Sportler 30 Medaillen und belegten Platz zwei in der inoffiziellen Nationenwertung. Schon im Laufe der ersten Wettkampfwoche am Schwarzen Meer ruderten die Funktionäre zurück: 23 Medaillen seien auch schön. Anschließend verzichteten sie wohlweislich auf alle weiteren Prognosen. Am Ende wurden es 19, sie reichten nur für Platz sechs hinter Russland, Norwegen, Kanada, den USA und – historische Schmach – den Niederlanden!

Der Kampf um die Plätze im Medaillenspiegel ist die seltsamste Sportart bei den Olympischen Spielen. Was drückt die Anzahl an Gold, Silber, Bronze eigentlich aus? Wie "wertvoll", reich, leistungsfähig eine Nation ist? Wie sehr ihre Bürger sich schinden können? Wie nervenstark sie sind? Aber weil der Leistungssport ein Spiegelbild unserer Gesellschaftsordnung ist, wird auch für ihn eine Rechnung aufgemacht, in der es um Investitionen, Zielvereinbarungen und Erträge geht.

Rund 130 Millionen Euro steckt der Bund in den Spitzensport, letztlich finanzieren also alle Steuerzahler das Skifahren, Eisschnelllaufen, Rodeln. Das zuständige Innenministerium orientiert sich bei der Höhe der Fördergelder an den Zielvorgaben, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit den Verbänden der einzelnen Sportarten vereinbart.

Anreiz wird geringer

Das Ergebnis von Sotschi, soviel Statistik muss sein, ist das schlechteste Winterresultat seit der Wiedervereinigung, halb so gut wie in Salt Lake City 2002 (36) – und das, obwohl es inzwischen zwölf Wettkämpfe und damit 36 Medaillen mehr zu gewinnen gibt. Zählt man aus der Zeit davor die Medaillen von DDR und BRD zusammen, war Deutschland zuletzt in Grenoble schlechter, das war 1968. Seither fand sich auch immer ein deutsches Team auf den ersten drei Plätzen der Nationenwertung – bis jetzt.

Was sagt das nun? Dass Deutschland keine leistungsfähige Gesellschaft mehr sei, wird im Ernst niemand behaupten. Aber das mitunter fragwürdige Erbe des DDR-Sportsystems ist endgültig aufgebraucht. Und der Anreiz, sich früh und vollständig dem Leistungssport zu verschreiben, wird immer geringer. Das liegt nicht daran, dass sich die jungen Menschen von heute nicht mehr quälen können, wie die dazugehörige Stammtischparole heißt. Sondern dass sie, auch darin ökonomisch geschulte Kinder ihrer Zeit, Aufwand und Ertrag berechnen.

In Randsportarten (und das sind die meisten bei den Winterspielen) kann man kaum seinen Lebensunterhalt verdienen – oder man muss sich als Staatsamateur bei Bundeswehr und -polizei oder beim Zoll verpflichten, was nicht jedermanns Sache ist. Auch für den sozialen Aufstieg ist Sport in einer wohlhabenden Gesellschaft kaum mehr ein geeignetes Mittel, im Gegenteil: Viele Spitzenathleten tun sich trotz aller Förderung von "dualen Karrieren" schwer, nach ihrer aktiven Zeit ein erfolgreiches zweites Leben zu beginnen. Wer Fleiß, Enthusiasmus, Disziplin, Leidensfähigkeit auf anderen Feldern als zum Beispiel im Biathlon investiert, hat länger etwas davon. Kurzum: Leistungssport macht vielleicht Spaß, ist aber unvernünftig. Und deshalb in einer auf Vernunft und Effizienz fixierten Gesellschaft wie der deutschen nicht mehr erste Wahl.

"Blechmeister" Deutschland

Hinzu kommt, dass viele deutsche Athleten eine Medaille diesmal denkbar knapp verpassten, wegen ungünstiger Startplätze auf weichen Pisten, eines winzigen Fahrfehlers, eines drehenden Windes im entscheidenden Moment. Zum Schluss stehen ein Dutzend vierte Plätze zu Buche – Deutschland ist "Blechmeister", wie das die Kollegen vom Boulevard nennen. Wirklich plan- und steuerbar ist gerade im stark wetterabhängigen Wintersport der Schritt von Platz vier aufs Podest kaum, oft beträgt der Abstand nur ein paar Tausendstel Sekunden. Deshalb ist für die meisten Athleten die Medaillenfixierung eine Qual. Manchen lähmt im entscheidenden Moment sogar der öffentliche Erwartungsdruck, die von den Medien und der Öffentlichkeit geschürte patriotische Euphorie. 

Natürlich wollen auch die Athleten Medaillen, aber zunächst versuchen sie, ihre bestmögliche Leistung zu zeigen – wenn andere einfach besser sind oder die Umstände misslich, akzeptieren sie eine Niederlage mitunter schneller als das kritische Publikum: "So ist der Sport", heißt der Satz, den man dazu im Zielraum immer wieder hört. Doch die finanzielle Förderung hängt in erster Linie nicht von der Leistung, sondern von der Platzierung ab – eine Gesamtverantwortung für ihre Sportart, der die Athleten als Individuen mit Höhen und Tiefen kaum gerecht werden können. Und die sie deshalb zu verdrängen versuchen.