ZEIT ONLINE: Herr Soldatow, wir haben in Sotschi zwei Reporter. Die haben ihre Smartphones dabei, telefonieren, surfen im Internet, auch mit ihren Notebooks. Was sollten die beiden wissen? Wie werden sie überwacht?

Andrei Soldatow: Es gibt zwei Systeme, mit denen Kommunikation abgefangen wird. Das erste heißt Sorm. Mit ihm können alle Nachrichten, Anrufe und E-Mails abgefangen und russischen Behörden zur Verfügung gestellt werden. Das zweite System wurde zum größten Teil vom russischen Premierminister Medwedew im November eingeführt, speziell für die Olympischen Spiele. Es sammelt die Kommunikationsmetadaten aller Teilnehmer der Spiele, Journalisten inklusive.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Soldatow: Es geht nicht so sehr um den Inhalt von Anrufen oder Mails, sondern über Kontaktdetails und Quellen. Jeder, der von einem Journalisten angerufen wird, ist dem Geheimdienst dann bekannt. Was auch nicht vergessen werden darf: Alle diese Informationen werden drei Jahre lang gespeichert.

ZEIT ONLINE: Ist das mit den NSA-Abhörmaßnahmen gleichzusetzen?

Soldatow: Es ist ein wenig anders. Das russische System wurde von Beginn an so gebaut, um einen unbeschränkten Zugang zu Datenanbietern zu haben. Die amerikanischen Programme wurden erst später angepasst. In seinen Grundzügen ist das russische System noch sowjetisch, es hat totalitärere Züge als das amerikanische System. Natürlich kann man den Umfang nicht gleichsetzen. Das amerikanische System zielt auch auf Leute außerhalb der USA. Das machen die Russen nicht.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass es in Sotschi Überwachungsdrohnen gibt?

Soldatow: Ja, nicht nur das. In Sotschi gibt es 11.000 Überwachungskameras. Die russischen Behörden sind ganz stolz auf diesen Rekord. Dies ist sehr weit weg von der olympischen Idee. Leute sollten nicht kontrolliert werden, nur um kontrolliert zu werden. Alle Menschen, die zu den Spielen fahren, können ihre Privatsphäre vergessen.

ZEIT ONLINE: Naive Frage, aber: Warum das alles?

Soldatow: Dafür gibt es zwei Erklärungen. Sotschi liegt sehr nah am Kaukasus, dort gibt es Terroristen. Doch nicht alle Maßnahmen sind mit Terroristenabwehr zu erklären. Drohnen zum Beispiel sind nicht sehr nützlich, wenn es darum geht, einen Selbstmordattentäter aufzuspüren. Sie können Menschenansammlungen erkennen oder Demonstrationen. Und ich sehe auch nicht, wie das Sammeln von Metadaten von Besuchern der Spiele Terroranschläge verhindern soll. Das führt uns zum zweiten Grund: Der russische Geheimdienst denkt, es garantiere Sicherheit, wenn man über alle und alles die Kontrolle hat. Da hat er sich von den Spielen in Moskau 1980 inspirieren lassen.

ZEIT ONLINE: Wie viel des alten, geheimnisvollen KGB steckt noch im russischen Geheimdienst, dem FSB?

Soldatow: Der FSB ist der direkte Nachfolger des KGB und auch stolz darauf. Aber es gibt Unterschiede. Der KGB war einerseits sehr mächtig, aber auch unter totaler Kontrolle der Kommunistischen Partei. Das trifft auf den FSB nicht zu. Niemand, nicht mal der Kreml, kann sich sicher sein, zu verstehen, was im FSB passiert.

ZEIT ONLINE: Können Sie noch was über ihre Arbeit als investigativer Journalist erzählen?

Soldatow: Ich berichte seit mehr als 15 Jahren über die russischen Geheimdienste. Es ist sehr schwierig geworden, darüber in russischen Medien zu schreiben. Wenn ich meine Geschichten veröffentlichen will, wende ich mich an westliche Medien. Über die Überwachung in Sotschi habe ich für den Guardian geschrieben. Mein Buch wurde in den USA herausgebracht, erst danach hat sich ein russischer Verlag entschieden, die Lizenz zu kaufen. Und sofort kam der FSB auf ihn zu und hat Fragen gestellt.

ZEIT ONLINE: Wurden Sie bedroht? Haben Sie Angst?

Soldatow: Schwierige Frage. Natürlich ist es zurzeit schwierig, diese Arbeit zu machen. Aber ich glaube, für Lokaljournalisten auf dem Land, die Sachen aufdecken wollen, ist die Situation viel schlimmer als für mich in Moskau.

ZEIT ONLINE: Sind die Spiele von Sotschi Segen oder Fluch?

Soldatow: Es ist schade, dass es bei diesen Spielen weniger um Sport geht als um politische Ambitionen und Sicherheits- und Überwachungsfragen und vieles mehr. Viele haben Angst, dass die Situation nach den Spielen noch schlimmer werden könnte. Es soll ein neues Image Russlands kreiert werden. Bei einer solchen Rhetorik sollte man immer vorsichtig sein, weil sie oft dazu genutzt wird, undemokratische Ideen zu fördern. Und: Die russische Gesellschaft war schon vorher ziemlich gespalten. Nun noch mehr. Jeder greift den anderen an.