Uli Hoeneß beim Champions-League-Finale 2013 in London © Martin Rose/Getty Images

Dreieinhalb Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung. Falls das Urteil die Revision übersteht, muss Uli Hoeneß ins Gefängnis. Das ist eine ungeheure Vorstellung. Vor einem Jahr galt er als eine der wenigen echten moralischen Instanzen des Landes. Der Bundesregierung gab er Ratschläge. Vier von fünf Deutschen wünschten sich mehr vom Prinzip Uli Hoeneß in der Politik. Hoeneß fällt sehr tief.

Hoeneß fällt tief, weil er sich überhöht hat. Er fällt aber auch tief, weil er überhöht wurde. Der Spiegel beschrieb ihn als eine Art wahren Kanzler. Talk-Sendungen rissen sich um ihn. Fans vergötterten ihn. Kritik an Hoeneß galt als Hass und Neid.

Seine Verehrer haben nicht völlig unrecht. Er hat mit dem FC Bayern Großes vollbracht. Und er ist mit seiner familiären, patriarchischen Art ein Gegenpol zu den Heuschreckenmilliardären im internationalen Fußball.

Aber Uli Hoeneß ist eben auch nur ein Fußballpräsident.

Ein Fußballpräsident wie, wenn auch erfolgreicher, viele andere: mit erotischem Verhältnis zum Geld und doppeltem moralischen Boden. Innerhalb des FC Bayern war er der gütige Vater. Doch Konkurrenten verdrängte er mit Ellenbogen, dickem Portemonnaie und Schlawinertricks. Zwei Beispiele: Sebastian Deisler lockte er mit einem geheimen Millionen-Darlehen nach München. Von Leo Kirch ließ er sich die Zusage zu einem TV-Vertrag mit 40 Millionen Mark heimlich erstatten. Andere sagen: Er ließ sich bestechen. Und den Eindruck der wahren Reue hinterließ er bei seiner Selbstanzeige nicht.

Man sah bei Hoeneß nie so genau hin. Man tut es noch immer nicht, selbst nach diesem Prozess, der schwindelerregende Summen ans Licht gebracht hat, und der Fragen aufdrängt: Wie kommt Hoeneß an so viele Millionen? War das Insider-Handel? Was wurde noch damit finanziert? Gibt es eine Verbindung zu Bayern München, wie lief der Deal mit Adidas? Dessen ehemaliger Chef lieh Hoeneß die Millionen zum Zocken, im Anschluss stieg Adidas bei den Bayern ein.

Es sind Vermutungen, Unterstellungen und Verschwörungen. Doch wer schweigt, bietet Raum dafür. Fragen nach Geld sind aber berechtigt in einer Zeit, in der sich auch der Fußball der Forderung nach Transparenz stellen muss. Wer viel hat, soll sich erklären. Doch Hoeneß sendete in diesem Prozess das alte Signal: "Was wir mit unserem Geld machen, ist unser Ding."

Damit steht er für die fußballtypische Mentalität im Umgang mit Geld. Die Bundesliga macht zwei Milliarden Umsatz im Jahr, Sponsoren reißen sich um Vereine, Sender werben um TV-Rechte. Aber Compliance, Ethik-Codes, Regeln für Bargeldverkehr? Kein Thema in Vereinen und Verbänden, trotz vieler Gerüchte um Korruption und Kickbacks. Es ist sicher kein Zufall, dass das System Fußball zum Fall seines bedeutendsten, weil prägenden, Vertreters am liebsten schweigt.

So lange der Ball ins Tor geht, lassen sich die Politiker auf den Tribünen mit den Mächtigen des Fußballs gerne ablichten. Die Wirtschaft bekommt rote Bäckchen, die meisten Fans verzeihen alles. Und wir Journalisten machen Schlagzeilen.

So wird der ganze Fußball, wie Hoeneß, überhöht. Die Nationalmannschaft stiftet Millionen Menschen Identität, obwohl Spieler unnahbar sind. Der DFB, ein gemeinnütziger Verein, handelt millionenschwere Verträge aus. Die Bundesliga feiert sich als wirtschaftliches Erfolgsmodell, aber auch dort sind nicht alle Geldflüsse bekannt. Kein Insider würde darauf wetten, dass sich nicht jemand finden lässt, der noch mehr zur Seite geschafft hat als Hoeneß. Und manch Profi wähnt sich als Popstar. Dabei ist der Fußball hinter den Kulissen nicht viel mehr als ein profanes Männer-Business.

Sicher, Fußball ist Emotion, Fußball ist wichtig für viele. Aber auch für den Fußball müssen moderne Regeln und Gesetze gelten. Ein Richter aus München sagt nun: Schluss mit der Immunität des Fußballs, Schluss mit der Überhöhung! Uli Hoeneß mag seine gerechte Strafe erhalten. Wenn dieses Urteil ein generelles Umdenken in der Parallelgesellschaft Fußball verursacht, wäre es doppelt wichtig.


Uli Hoeneß - Der erste Schritt zum Comeback Uli Hoeneß hat richtig gehandelt, das Urteil des Landgerichts München II anzuerkennen. Er gewinnt dadurch Zeit, zu den Bayern zurückzukehren, kommentiert Oliver Fritsch.