Von den Tribünen dröhnte Atlético Madrids Vereinshymne, intoniert aus knapp 50.000 Kehlen. Jubelnde Menschen in rot-weiß-gestreiften Trikots, wohin der Blick auch schweifte. Spieler und Fans von Atlético feierten eine gigantische Party. Und er?

Er stand bedröppelt in der Gegend umher, die Arme in den Hüften, sein Blick verlor sich im Nichts. Ein kurzer Moment des Innehaltens, dann trabte Lionel Messi vom Platz. In der gleichen Art und Weise, wie er zuvor 90 Minuten lang Fußball gespielt hatte: lustlos, teilnahmslos, ja beinahe apathisch.

Messis Leistung im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League zwischen Atlético Madrid und dem FC Barcelona gab Rätsel auf. Der Argentinier verweigerte die Arbeit, Barcelona spielte praktisch zu zehnt. Am Ende kam der viermalige Weltfußballer auf 6,8 Kilometer Laufleistung – nur 1,5 Kilometer mehr als Barcelonas Torhüter Pinto. Zum Vergleich: Atléticos Torschütze Koke lief 12,2 Kilometer.

Überfressen vom Erfolg

Nun ist die gemessene Laufleistung nicht immer ein Indikator für die Kräfteverhältnisse während eines Fußballspiels, aber in diesem Fall transportierte die Statistik eine Botschaft: dass Atlético das Weiterkommen mehr wollte, sich den 1:0-Sieg nach dem 1:1 im Hinspiel mehr verdient hatte. Nicht nur wegen des abgespulten Pensums und den zwei Versuchen des Stürmers David Villa, die am Pfosten und an die Latte klatschten. Atléticos Spieler zerrissen sich für einander, während Barcelona dieser Leidenschaft nichts entgegenzusetzen hatten. Sie wirkten wie Spieler, die satt waren. Überfressen von den Erfolgen der vergangenen Jahre.

In der Spielzeit 2006/07 hatte der FC Barcelona zuletzt das Halbfinale der Champions League verpasst. Ein Jahr später übernahm Pep Guardiola als Trainer – es war der Beginn einer neuen Ära im Weltfußball. 14 von 19 möglichen Titeln gewann der Club in den vier Jahren unter Guardiola, wurde mit seinem schönen und schnellen Spiel zum Liebling der Fußball-Romantiker. Es schien, als wäre die Mannschaft der Konkurrenz auf Jahre enteilt.

Davon redet niemand mehr. Das brutale Aufzeigen der eigenen Vergänglichkeit durch die Bayern im vergangenen Jahr wurde in Barcelona noch als Betriebsunfall abgetan. Spätestens seit dieser Spielzeit und den Niederlagen gegen San Sebastián, Valencia oder Valladolid ist klar: Barças große Zeit ist vorbei. Das Aus gegen Atlético dient nur als weiterer Beleg. Einen, den es eigentlich nicht mehr gebraucht hatte.

Wer Barcelona zusieht in diesen Tagen, begleitet eine große Mannschaft beim langsamen Sterben. Man weiß, dass es passieren wird und kann es doch nicht verhindern. Das lebensverlängernde Elixier in Form von neuen Spielern wird nicht geliefert. Darf womöglich auch nicht geliefert werden. Vor einer Woche hatte der Weltverband Fifa den Club mit einem Transferverbot für die kommenden zwei Perioden belegt, weil Barcelona gegen die Transferregeln für Minderjährige verstoßen haben soll. Ob es wirklich zu diesem Bann kommt, ist noch nicht sicher. Notfalls will Barcelona bis vor den europäischen Sportgerichtshof CAS ziehen. 

Das größte Talent spielt nun bei Bayern

Sollte die Strafe aber bestätigt werden, würde das die dringend benötigte Personalauffrischung verhindern. Mindestens vier neue Spieler wollte Barcelona im Sommer holen, darunter auch den deutschen Torhüter Marc-André ter Stegen aus Gladbach. Darf Barcelona tatsächlich keine neuen Spieler holen, droht der Abstieg aus der europäischen Spitzenklasse.

Leistungsträger wie Xavi oder Dani Alves haben ihren Zenit überschritten. Von den Spielern, die die Ära der Jahre 2008 bis 2012 maßgeblich geprägt hatten, standen am Mittwochabend mit Dani Alves, Javier Mascherano, Xavi, Iniesta, Busquets und Lionel Messi noch sechs in der Startformation. Gerard Pique und Victor Valdes fehlten wegen Verletzungen. Sonst hätten sie den Anteil auf acht erhöht. Am Kader hat sich seit Jahren nichts verändert, er ist zu dünn besetzt und einigen Spielern wie Alex Song fehlt es schlicht an Qualität. Die Clubführung hatte es versäumt, auf dem Höhepunkt an die Zukunft zu denken. Stattdessen wurde das größte Talent der letzten Jahre, Thiago Alcántara, leichtfertig an den FC Bayern abgegeben.

Jetzt weinen sie dem ältesten Sohn des brasilianischen Weltmeisters Mazinho hinterher und hoffen auf die Rückkehr seines zweiten Sprösslings. Der hört auf den Künstlernamen Rafinha und ist derzeit an Celta Vigo ausgeliehen. Ein talentierter Junge, keine Frage. Dass Barcelona auf die Rückkehr eines 21-Jährigen hofft, verdeutlicht das Dilemma, in dem es sich gerade befindet.