Die Dortmunder nach dem Schlusspfiff © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Am Ende jubelten die einen und die anderen wurden gefeiert. Die Spieler von Real Madrid rissen kurz die Arme in die Höhe, liefen zu ihren Fans und freuten sich. Wie man das so macht, wenn man es gerade ins Halbfinale der Champions League geschafft hat. Doch dann mussten die Madrilenen ihre Party kurzerhand für beendet erklären, weil im Westfalenstadion etwas Größeres passierte.

Ein ganzes Stadion beklatschte einen Verlierer. Ach was, es ließ ihn hochleben. Es gab schon Hunderte Siege, die nur halb so laut zelebriert wurden. Auf der Haupttribüne unterbrachen stolze Männer kurz ihren Applaus, um sich eine Träne aus den Augen zu wischen. Auf der Südtribüne hüpften Zehntausende auf und ab und sangen vom Europapokal. Das Team stand davor auf dem Rasen, klatschte zurück, mit hängenden Schultern und feuchten Augen und bedankte sich für diese Stimmung. Die Fans bedankten sich für ein Fußballspiel, das sie nie vergessen werden. 

Es war ein Spiel, so schnell, dass einem die Luft weg blieb. So aufregend, dass der wundergestählte Stadionsprecher Norbert Dickel nach dem Spiel durchgab, dass er vorerst nichts weiter in sein Mikrofon erzählen könne, weil er sich erst einmal sammeln müsse. Etwa im gleichen Moment lief der Langzeitverletzte Neven Subotic zu seinem Trainer Jürgen Klopp, fiel den um den Hals und sagte ihm, dass er stolz sei, Teil dieser Mannschaft zu sein.

Am Ende stand ein 2:0, nur ein Tor fehlte zur Sensation. Doch manchmal gibt es Dinge, die größer sind als ein Endergebnis. Manchmal sind Niederlagen die wichtigsten Siege. Viel elementarer als das Weiterkommen war die Erkenntnis: Der BVB lebt noch, der Dortmunder Emotionsfußball ist nach diesem Spiel gar lebendiger denn je. "Unter einer Million Möglichkeiten auszuscheiden, war das die beste", sagte Jürgen Klopp.

Borussia Dortmund hat in den vergangenen Jahren den Ruf aufgebaut, sich selbst und seine Fans an emotionale Grenzen zu bringen. Sie gewinnen oder verlieren nicht einfach nur. Nein, unter dem größtmöglichen Drama macht es der Club nicht. Ob Absicht oder nicht, das war lange eines der Dortmunder Alleinstellungsmerkmale. Da kann der Meister aus München jedes Spiel gewinnen, richtig kribbeln tut es nur beim BVB.

Doch in dieser Saison war der Ruf in Gefahr. Der BVB, so schien es, würde sich auf einem sportlich etwas niedrigeren Niveau einpendeln. Mit dem FC Bayern oder Real Madrid kann man eben auf Dauer nicht mithalten. Nicht mit dem niedrigen Etat. Nicht, wenn man nach jedem Jahr seine besten Spielern abgeben muss. Erst recht nicht mit den vielen Verletzten. Irgendwann ist jedes Märchen mal zu Ende, und wenn sie nicht gestorben sind, dann kicken sie noch heute.

Nun hat die Borussia ihren Fans und dem neutralen Zuschauer wieder einen dieser Champions-League-Abende geschenkt, die reif fürs Museum sind, das in Dortmund praktischerweise gleich ins Stadion integriert ist. Der BVB hat gezeigt, warum er vor einem Jahr als "heißester Club Europas" bezeichnet wurde. Warum englische und spanische Journalisten mit beinahe religiöser Ehrfurcht über Jürgen Klopp reden, weil sie nicht fassen können, wie dieser Verein ihren mit Scheich- und Steuermillionen gepäppelten Clubs Paroli bieten kann.