Pep Guardiola und sein Kapitän Philipp Lahm © Matthias Schrader/picture alliance/dpa

Manchmal hat Pep Guardiola etwas Trapattonihaftes. Wenn er aufgeregt ist, denkt er schneller als es sein deutscher Wortschatz hergibt. Man versteht dann nur Satzfetzen und rechnet damit, dass die Flasche bald leer ist oder zumindest Thomas Strunz sein Fett wegbekommt. Aber Guardiola ist viel zu anständig, um seine Spieler zu beschimpfen.

Nach dem 0:4 gegen Real Madrid war Guardiola aufgeregt. Er wollte etwas loswerden während der Pressekonferenz. Er saß da, in seinem schwarzen Rollkragenpulli wie ihn auch Joachim Löw gerne trägt, das Outfit der Fußballromantiker. Seine Augen waren wach, er wirkte nicht sonderlich bedrückt, sondern fast dankbar über die Fragen, nach seinem Fußball, dem Ballbesitzfußball, über den in den vergangenen Tagen so viel und oft geredet wurde wie sonst nur über das Wetter.

Ob denn diese Niederlage auch die Niederlage seiner Philosophie sei? Nein, sagte Guardiola. Und um es zu bekräftigen fügte der Katalane seine etwas überraschende Analyse des Spiels hinzu: Seine Mannschaft ist gegen Real Madrid nicht ausgeschieden, weil sie zu häufig den Ball hatte, sondern nicht häufig genug.

Lange waren Selbstzweifel nicht mehr so groß

Eine mutige These nach einem Spiel, das einen besonderen Platz in der Bayern-Historie einnehmen wird. Es war nicht nur die höchste Heimniederlage in der immerhin 48-jährigen Europapokalgeschichte des Vereins, sondern auch eine, die die Bayern in ihrem Selbstverständnis trifft.

Der Club hat sich ja etwas gedacht bei der Guardiola-Verpflichtung. Und muss sich deswegen jetzt Fragen stellen. Kleine wie: Hat Guardiolas Taktik Madrid in die Karten gespielt? Größere: Ist der Ballbesitzfußball die richtige Grundidee? Ist er nicht zu leicht ausrechenbar? Geht der Trend in die andere Richtung? Und ganz Große, beinahe Ungeheuerliche: Hat der FC Bayern seine Zukunft etwa einem Trainer verschrieben, dessen Idee vom Fußball gerade aus der Mode kommt?

Fakt ist: Noch nie ist eine Bayern-Elf innerhalb weniger Wochen so abgestürzt. Von der mutmaßlich besten Mannschaft der Welt zu einem Team, das sich in 180 Minuten höchstens zwei Torchancen herausarbeitet, und das ist schon großzügig gerechnet. Von einer Mannschaft, die Tempo und Rhythmus vieler Spiele auf so leichte, unangestrengte Art dominierte zu einem Team, das sich auf dem Platz von den Rowdies aus Madrid herumschubsen lässt. Dieses Halbfinale der Champions League war ein ungleiches Duell.

Guardiola wusste, woran es lag, zumindest an diesem Tag. "Das war ein Riesenfehler vom Trainer", sagte er. Er haderte mit seiner Aufstellung, weil er Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos im zentralen Mittelfeld alleine ließ, um eine zusätzliche Offensivkraft, Thomas Müller als eine Art Panzerknacker, aufs Feld zu stellen. Schweinsteiger und Kroos aber konnten die gewohnte bayerische Ballrotation nicht in Schwung bringen und wurden zudem von den konternden Madrilenen überrollt. 

Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Karim Benzema überrannten Mittelfeld und Abwehr der Bayern ein ums andere Mal. Die Bayern schienen in der ersten Halbzeit nicht einen Zweikampf zu gewinnen. In Verbindung mit einer hanebüchenen Raumdeckung bei Standardsituationen standen nach 34 Minuten zwei Kopfballtore von Sergio Ramos und ein Treffer von Ronaldo an der Anzeigetafel. 0:3, einige Zuschauer gingen da schon nach Hause.

Dabei sollten die doch mithelfen. Eine "Hölle" sollte die Arena in Fröttmaning für Real Madrid werden, forderte Karl-Heinz Rummenigge. Die Bayern-Fans mühten sich. Doch ob die Herangehensweise richtig war, darf bezweifelt werden. Die Madrilenen lieben hitzige Spiele voller Nickligkeiten, lieben es, einen Gegner auf ein Scharmützel-Niveau herunterzuziehen. Die beiden Innenverteidiger Sergio Ramos und Pepe scheinen gar in der Hölle geboren.

Sonst dirigiert Guardiola seine Mannschaft gerne zur Weltklasse wie Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker oder eben Giovanni Trapattoni die Bayern der Neunziger. Guardiola aber stand meist mit den Händen in den Hosentaschen am Rand seiner Coachingzone. Den Rücken nur noch pro forma durchgedrückt. Wie einer, der weiß, dass es zu spät ist, seinen Fehler zu korrigieren.