Hohenschönhausen ist kein Ort, an dem Niederlagen vorbereitet werden. Hier werden Triumphe gezüchtet, Siege von Menschen über ihre eigenen Körper, über ihre Lungen, Herzen, Kniegelenke, über Muskeln, Hirne und über Schmerzen. Strenge Männer in Trainingsjacken wachen darüber, Respektspersonen. Sie stehen unter einem grauen Frühjahrshimmel und lassen Blicke schweifen, sie halten Stoppuhren in ihren Händen oder Metermaße.

Einer der Männer, Trainingsjacke in Leucht-Orange am Leib, hinten ist das Wort "Deutschland" aufgedruckt, steht etwas abseits von seinen Kollegen. Auch er schaut und wacht, er maßregelt und ermuntert. Auch er will Siege sehen, über innere Schweinehunde und über Qualen. Darüber hinaus aber – eine Stoppuhr in der Hand, eine hängt vor seiner Brust – hat er noch etwas anderes im Sinn. Er will den Lauf der Zeit zurückdrehen. Er will eine Sportart vor dem Verschwinden bewahren. Das Gehen.

André Höhne ist Trainer, und das Sportforum in Berlin-Hohenschönhausen ist ein Zentrum des deutschen Leistungssports. Olympiasieger kommen von hier, Europa-, Welt- und Deutsche Meister. Spitzenathleten diverser Disziplinen, auch Höhne gehörte einmal dazu. Er war WM-Vierter in Helsinki im Jahr 2005, Fünfter 2009 in Berlin, Olympia-Achter in Athen 2004 und Elfter vor zwei Jahren in London. Er war nie ganz oben, aber stets vorn dabei. Er war der letzte deutsche Geher von Weltrang.

Nun steht er da wie angewurzelt am Rand einer Tartanbahn. Gelegentlich hält er sich eine der Uhren vors Gesicht, liest Zahlen davon ab, und manchmal ruft er dann: "Fünfneunzehn." "Fünfeinundzwanzig." "Fünfnulldrei." Hin und wieder macht er sich Notizen.

Blick auf die Uhr. "Fünfneunundzwanzig." Notizen. Fünfirgendwas. Höhnes Blick pendelt zwischen den Stoppuhren und der Sportplatzweite, zwischen den beiden Konstanten seines Lebens, und was er dabei sieht, das lässt ihn hoffen. Es ist vielleicht die Zukunft seiner Sportart in Deutschland, ein bisschen davon jedenfalls. Die Zukunft des hiesigen Gehsports, die längst nicht mehr vorgesehen zu sein schien. Gerade kommt sie wieder herangekeucht, die Uhr läuft mit. Fünf Minuten, so und so viel Sekunden, ruft Höhne. Er sieht einem Jungen beim Gehen zu. "Ein Talent", sagt er. "Bewegungstalent, Belastungstalent, Wollenstalent, alles da."

Vordere Stützphase, hintere Stützphase, Schwungphase – Gehen ist kompliziert

Es ist kalt auf dem Platz, und über das Gesicht der Zukunft läuft der Schweiß. Höhne ruft seine Zahlen, die Zieleinlaufzeiten sind, verstrichen während jeweils eintausend Meter langen Übungsläufen.

Jakob heißt der Junge, er ist 16 Jahre alt und umrundet den Platz in diesem eierigen, irgendwie entenhaften Geher-Gang, der Konzentration erfordert und dem anzusehen ist, wie unbequem, wie unnatürlich, wie anstrengend er ist.

Trainingslehrbücher und Regelwerke beschreiben eine vordere "Stützphase" und eine hintere, die in eine "Doppelstützphase" münden sollten. Dazu gibt es die vordere und die hintere "Schwungphase". Sie alle kommen vor in diesem Gang, bei jedem Schritt. Das Becken bewegt sich um die "Längs- und Tiefenachse". "Widergleich" – also entgegengesetzt – haben dies auch Schultern und die Arme zu tun.

Wer diese Bücher liest und merkt, wie schwer sich schon die Sprache damit tut, die Sportart Gehen verstehbar zu machen, der hat schon viel über die Gründe ihrer Unattraktivität gelernt. Gehern wie Jakob beim Trainieren zuzusehen, gibt den allermeisten, vielleicht noch unschlüssigen Leistungssportaspiranten dann den Rest.

Kinder sollen Sprinter nicht Geher werden

"Es ist echt schwierig", sagt Höhne. "Die Kinder heute, wenn sie überhaupt noch ernsthaft Sport machen wollen, die gehen zum Fußball. Oder wenn die Eltern sie dann doch zur Leichtathletik schicken, sollen sie Sprinter werden. Da kannste zehnmal sagen: Der wird kein Sprinter, der ist zu langsam." Höhne ist Jahrgang 1978, in seiner Kindheit sei das noch anders gewesen, sagt er. Er sagt: "Da galt: Hauptsache zum Sport, egal welcher."

Dass er seit seinem Laufbahnende in Hohenschönhausen als einziger, nur mit Gehern beschäftigter Trainer arbeiten kann, und dass seine Trainingsgruppe mittlerweile 15 Mitglieder hat, hält er manchmal selbst für ein Wunder. "Aber das zeigt ja, dass es vielleicht nicht ewig abwärts geht."

In Richtung Keller, ins Halbdunkel unterwegs, ist das Gehen schon lange. Bei Großwettkämpfen wie Olympischen Spielen oder Leichtathletik-Weltmeisterschaften wird es oft an die Randzeiten gedrängt, die Geher gehen im Schatten von 100-Meter-Sprintern und Marathonläufern, von berühmten Namen wie Carl Lewis oder Usain Bolt, von Haile Gebrselassie oder Abebe Bikila. Aber wer kennt schon einen Geher? Und – so ganz allgemein – wer geht heute schon noch?

Der Durchschnittsdeutsche geht kaum 1.000 Schritte am Tag

Sozialmediziner der Berliner Charité verbreiten Zahlen, nach denen beispielsweise eine Telefonistin auf durchschnittlich 1200 Schritte am Tag kommt, ein Grafiker auf 1400, ein Verkäufer auf 5000. Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln sagen, dass der Durchschnitt in Deutschland noch darunter liegt. 800 bis 1000 Schritte pro Kopf und Tag sollen es sein. Das ist nicht einmal ein Kilometer.

Die Zahlen legen nahe, dass die Durchschnittsdeutschen nicht einmal mehr regelmäßig spazieren gehen. Denn der Durchschnittsspaziergang dauert nach Expertenmeinungen aus Sport und Tourismus ungefähr zwei Stunden und ist etwa fünf Kilometer lang. Wer beispielsweise am morgigen Ostersonntag einen macht, dürfte sich die folgende Woche gar nicht mehr bewegen, um auf 1000 Durchschnittsschritte pro Tag zu sinken.

Warum gehst du, Jakob?

"Ich will mich mit anderen messen", sagt er. Aber dann auch noch: "Wie das in anderen Sportarten auch ist."

Und warum treibst du keine andere Sportart?

"Ich sehe keinen Grund dafür."

Es ist wie mit den Trainingsbüchern. Sprache kann nicht alles erklären.

Vor allem dann nicht, wenn einem Fragen wie diese direkt nach einem 1000-Meter-Tempolauf gestellt werden, mitten hinein in die Pause. Ins Atemholen. Eine Minute hat Jakob jeweils dafür, dann muss er weiter. Weitereiern.

Nach Olympia 2012 hat Höhne aufgehört, aber wann die Schmerzen kommen, weiß er noch

Höhne hat auf diese Art und Weise, so schätzt er, bis zu 8.000 Kilometer im Jahr zurückgelegt. Sein Karriereende ist noch keine zwei Jahre her, und er weiß auch deshalb ziemlich genau, was sich gerade in Jakobs Körper abzuspielen beginnt, warum der Junge bald nicht mehr kann.

Zwei Tage zuvor ist Jakob zum ersten Mal in seinem Leben über die 15-Kilometer-Distanz gegangen, er hat sich noch nicht wieder davon erholt. Dazu kommt, dass das Gehen auch eine Art Kopfsport ist, und Jakobs Kopf ist mit jeder weiteren Sportplatzrunde immer weniger in der Lage, die Beine zum Weitermachen zu bewegen. Der Kopf, der beim Gehen deshalb besonders gefordert ist, weil er dem Rest des Körpers nicht nur das Durchhalten befehlen muss, sondern dabei auch immer auf die Technik zu achten hat. Auf die Stützphasen, die Schwungphasen, auf das unbedingt zu streckende, vordere Bein. Und immer mit einem Fuß Bodenkontakt halten, bloß nicht abheben. Das ist es, was das Gehen – im Vergleich zum Laufen, zum Rennen, wo man sich um Technikfragen nicht zwingend zu scheren hat – ab einer bestimmten Distanz sehr anstrengend macht.

Höhne hat sich früher in solchen Momenten immer selbst beschimpft. Bei 50-Kilometer-Wettbewerben setzten die so um den 35. Kilometer ein. "Selbstgespräche im Kopf habe ich dann geführt", sagt er. "Nicht schon wieder Vierter! Nicht schon wieder Achter! Du Pfeife!"