Ein Fußballplatz im Münchner Osten, Sonntagmorgen, elf Uhr, der Kunstrasen glitzert im Sonnenlicht. Die Streetboys haben ein Heimspiel. Acht Fans sind zum Zuschauen gekommen. Der Gegner, die dritte Mannschaft des Traditionsvereins Turnerbund, hat noch weniger Anhang mitgebracht. Klaus, Lederjacke, stattliche Figur, ist wohl der einzige Ultra der Streetboys. Er singt: "Wir wollen Tore sehen."

Die meisten Spieler im Kader der Streetboys sind schwul. Sie tragen keine rosafarbenen Trikots, nicht pink, nicht lila, sie sind blau. Im vergangenen Spiel wurde ein Spieler als "Schwuchtel" beschimpft, bei einem früheren Spiel wurde einem Streetboy-Spieler während des Deckungsspiels geraten, sich vom "Arsch" des Gegenspielers fernzuhalten. Solche Vorurteile und Beleidigungen schlagen den Spielern regelmäßig entgegen.

Das Gerücht, dass schwule Fußballer lasch spielen, hält sich hartnäckig, hier allerdings nur bis zum Anpfiff. Ein Spieler muss schon nach zwei Minuten mit einer Knöchelverletzung vom Platz, der Spielertrainer muss später mit einer Platzwunde raus. Trotz der Verluste: Im Zusammenspiel sind die Streetboys routiniert und technisch verhältnismäßig stark.

Anders als die übrigen schwulen Fußballclubs spielen die Streetboys im deutschen Ligabetrieb. Und den nehmen sie ernst. In der untersten Liga, der C-Klasse München, stehen sie im Tabellenmittelfeld. Seit 20 Jahren spielen die Streetboys in München gemeinsam Fußball. Unter dem Dach des Team München e.V., der viele Sportarten für eine homosexuelle Zielgruppe anbietet, haben sie sich 2001 beim DFB angemeldet. Nebenbei spielen sie internationale Turniere gegen andere homosexuelle Fußballmannschaften, beim Vorspiel-Cup in Berlin Anfang März holten sie den Titel

Den Streetboys geht’s in erster Linie um Fußball, aber sie setzen sich auch für die Rechte Schwuler ein. Sie sind beim Christopher Street Day dabei und zeigen sich bei Aktionen gegen Diskriminierung solidarisch. Die deutschen Fußballverbände tun sich schwer damit, einen natürlichen Umgang mit Homosexualität zu fördern. Deshalb ist der Bayerische Fußballverband nun auf die Streetboys zugekommen. Sie sollen eine Anlaufstelle für schwule Fußballer werden.

Alex Dolderer ist Torwart und Kapitän der Streetboys. Der 25-Jährige ist seit 2009 im Verein, zuvor lebte er im Allgäu und spielte in einer Mannschaft, in der er der einzige offen Homosexuelle war. Er fühlte sich zwar akzeptiert, der Spruch "Vorsicht, der steht hinter dir in der Dusche" fiel trotzdem. Durch Leistung, sagt Dolderer, habe er damals überzeugt, die Sprücheklopfer verstummten. Nach seinem Umzug in die Großstadt suchte er sich trotzdem lieber einen Club für homosexuelle Fußballer.

Sein Teamkollege Nils sagt, er würde es in einem anderen Fußballverein vermutlich nicht zugeben, dass er schwul sei. Er wünscht sich, dass schwule Fußballvereine zur Normalität werden wie türkische, als eine Art Interessensgemeinschaft. Der zweite Vorsitzende der Streetboys möchte seinen ganzen Namen nicht nennen. Für ihn sind die Streetboys eine Anlaufstelle für Fußballspieler, die sich in einem anderen Verein nicht trauen würden, ihre Homosexualität zum Thema zu machen. Ihm persönlich half die Gemeinschaft vor zehn Jahren beim Coming-out. Damals war er Anfang 20. Er hatte zu Beginn selbst Vorurteile. Er dachte, es könnte sich bei den Streetboys eher um eine Partnerbörse handeln als um einen Sportverein.

Auch Heterospieler sind bei den Streetboys willkommen. Daniel Huber ist einer von derzeit fünf. Er kam über seinen Studienfreund Nils zu den Streetboys und spielt seit fast zehn Jahren dort. Ob ein neuer Spieler schwul ist oder nicht, werde ohnehin nicht abgefragt, sagt Huber. Das bekomme man im Lauf der Zeit einfach so mit.

Drei Monate nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger ist die Hoffnung bei den Spielern der Streetboys groß, dass Vorurteile der Gegner und ihres Anhangs schrumpfen. Vor allem Jüngere bemerken jetzt, dass Stereotypen nicht mehr zutreffen, sagen die Streetboys. Hitzlsperger, der wegen seines starken Schusses "Hitz the Hammer" genannt wurde, sprengt das Bild des zart besaiteten schwulen Kickers. Ein schwacher Pass ist eben kein schwuler Pass.

Maxi Schmeckel, der für den Turnerbund gerade den Ball verloren hat, bestätigt das. Spielerisch, sagt er, seien die Streetboys eher unangenehm. Sie hebeln die Angriffe der jungen Gäste mit Routine aus. Was die Streetboys aber auszeichne, so Schmeckel, sei ihre Fairness. Die Spieler rasten nicht aus, sie entschuldigen sich nach Fouls.

Doch nicht alle gegnerischen Spieler akzeptieren die Streetboys. Ein Spiel vor fünf Jahren musste kurz vor Schluss abgebrochen werden. Ein Fußballer fühlte sich provoziert und schlug zu. Als der attackierte Streetboy-Spieler weglief, verfolgten ihn mehrere der gegnerischen Mannschaft, auch das Publikum mischte mit. Die Folge war ein Sportgerichtsverfahren gegen den Gegner.    


Über diese Erlebnisse reden die Fußballer oft in ihren Stammlokalen im Münchner Glockenbachviertel, die gleichzeitig Sponsoren der Streetboys sind. Dort treffen sich einige Spieler abseits des Kunstrasens. Wenn aktive Bundesligaspieler in Zukunft ihre Homosexualität bekannt machen wollen, so die Streetboys, sollten sie sich zusammenschließen. Dann würde sich der Aufmerksamkeitsdruck auf viele Schultern und mehrere Vereine verteilen. Damit wäre ein großer Schritt Richtung Normalität getan.

Das Spiel bleibt bis zum Schluss hart umkämpft, aber torlos, 0:0. Nach dem Abpfiff versammeln sich die Streetboys vor ihrem Anhang, nehmen einander bei den Händen, reißen die Arme in die Luft. Einer ruft "Wir bedanken uns bei unserem Gegner, beim Schiedsrichter und bei unseren Fans!" Ein Ritual bei Heimspielen. Die acht Zuschauer klatschen.