Neulich saß Dirk Nowitzki in der Late Night Show von Conan O‘Brien. Er fläzte sich auf dem Gästesofa, auf diese bestimmte Art, die nicht unhöflich rüberkommt, sondern lässig, und las dem kichernden Publikum seine 15 angeblichen Spitznamen vor. Von Dirk Diggler, dem Pornodarsteller, über den "Germinator" bis hin zum "Zwei-Meter-Schnitzel". Dem alten, maulfaulen, nuschelnden Dirk Nowitzki wäre das nicht passiert. Schon gar nicht in der Endphase der regulären Saison, als keineswegs sicher war, ob er es mit seinen Dallas Mavericks in die Playoffs schaffen würde.  

Doch Nowitzki ist reifer geworden, gelassener und ausgelassener zugleich, drei Jahre nach seinem NBA-Titel. Bis dahin schien ihm, der Rekorde brach, eine titellose Karriere zu drohen. "Nowinski" nannten ihn die forscheren unter den amerikanischen Journalisten. Das saß tief. Bis er es 2011 allen zeigte und sein Team zur ersten Meisterschaft überhaupt führte, ohne echten Co-Star an seiner Seite, was in der NBA nicht vorgesehen ist. Danach stimmte er vom schönsten Balkon seiner Heimatstadt Würzburg herab ein schiefes "We are the Champions" an.  Ausgezehrt, verschwitzt, todmüde nach schon 13 Jahren in der besten Basketball-Liga der Welt. Seit diesem Triumph des Willens ist Nowitzki ein anderer Mensch.

Und er spielt effizienter denn je. Am Ende fehlten in dieser Spielzeit nur Tausendstel bei seinen Wurfquoten aus dem Feld, von der Dreier- und der Freiwurflinie, um noch einmal in den "50-40-90 Club" vorzustoßen, den außer ihm nur fünf Spieler überhaupt je erreicht hatten.

Auch in absoluten Zahlen ist der Deutsche endgültig in den Rekordbüchern angekommen, mit fast 27.000 Punkten gehört er zu den zehn besten Schützen der NBA-Geschichte. Nowitzki hat noch Schwächen, defensiv vor allem, aber er hat keine ernstzunehmenden Zweifler mehr. Zu erdrückend ist die statistische Beweislast aus 42.603 Spielminuten – die meisten davon an der Seite von schwachen Mitspielern, gegen zwei Verteidiger, auf verstauchten Knöcheln. Nowitzki sprintet und springt, wirft und trifft noch immer aus allen Lagen. Er läuft und läuft und läuft. German Engineering eben.

Gefangen in einer Mannschaft

Wenn es im Basketball um individuelle Leistungen ginge, das kann man so sagen, hätte ein fitter Nowitzki in den vergangenen zehn, zwölf Jahren immer um den Titel mitgespielt. Aber No Man is an Island. Nach dem Titel 2011 zerbrach seine überalterte Mannschaft, das Hoffen auf vor allem defensivstarke Neuzugänge blieb Jahr für Jahr vergeblich.

So ist Nowitzki genau wie früher gefangen in einer Mannschaft, die ohne ihn schlecht wäre und mit ihm gut ist, aber definitiv nicht gut genug, um noch einmal um die Meisterschaft mitzuspielen. Dallas zu verlassen hat Nowitzki trotzdem nie ernsthaft erwogen. Aus Bequemlichkeit, vor allem aber aus Loyalität und Dankbarkeit gegenüber dem Teambesitzer Mark Cuban, der bereits an das Potenzial des dünnen Deutschen geglaubt hatte, als der selbst noch ins Flugzeug zurück nach Deutschland steigen wollte.

Irgendwann hat der 35-Jährige eingesehen, dass es nichts bringt, mit solchen Umständen zu hadern. Wenn andere Athleten – Sebastian Vettel etwa, Lukas Podolski, Andrea Petkovic oder die deutschen Fußball-Frauen – starke Leistungen zeigen, freut sich Dirk Nowitzki 2.0 ehrlich mit ihnen – und wenn jemand einen schlechten Witz macht oder seinen Koffer klaut, freut er sich selbst über eine Steilvorlage für seinen Twitter-Account: