Journalistentraube um Carl Edgar Jarchow vom Hamburger SV © Axel Heimken/picture alliance/dpa

Christian Streich schaute noch verdatterter als sonst. Nach dem Spiel Freiburg gegen Nürnberg ergriff am Samstag auf der Pressekonferenz ein vermeintlicher Nürnberger Journalist Wort und Mikrofon. Erst beschimpfte er Freiburgs Trainer, dann dessen Verein, ehe er seine Wortmeldung mit "FCN! FCN!"-Rufen schloss. Geraune unter den Medienleuten, Streich war baff, der Provokant stand auf und ging. Heute weiß man: Ein Nürnberger Fan hatte die Akkreditierung eines fränkischen Journalisten in die Hände bekommen. Und wurde berühmt.

Ungewollt steckt in diesem Fall eine Menge Symbolik: Es gibt viele Fans, die sich als Journalisten tarnen. Manche so gut, dass jeder denkt, sie seien Journalisten. Sogar sie selbst.

Wer öfter in deutschen Fußballstadien unterwegs ist, sieht sie. In den Medienbereichen, die eigentlich ein Hort der Objektivität sein müssten, geht es parteiisch zu. Da wird mit verschwitzten Profis abgeklatscht oder nach Toren mit geballten Fäusten auf der Pressetribüne umhergesprungen. Manch einer bittet die Spieler zum Selfie oder um ein Autogramm.

Verbrüderungsszenen mit dem Berichtsobjekt

Nun ist nicht einmal der abgebrühteste Reporter davor gefeit, bei einem emotionalen Spiel unruhig auf seinem Sitz hin- und herzurutschen, oder reflexhaft über eine vergebene Chance zu stöhnen. Objektivität ist sowieso eine Mär. Doch die Veitstänze und Wutausbrüche, die in den Pressebereichen gelegentlich dargeboten werden, und sich in manchen Fällen kaum von denen in den Fanblöcken nebenan unterscheiden, überraschen doch.

Das kann an den vielen Funktionären und Vereinsmitarbeitern liegen, die in den Mixed Zones herumwuseln, jenen Bereichen des Stadions, in denen Spieler nach den Partien zum Statement gebeten werden. Ein High-Five ist da immer drin, oft sind auch anerkennend grunzende Laute zu hören, die wohl daran erinnern sollen, dass man zur selben Sippe gehört. VIP-Gäste, die mancherorts ebenfalls Zutritt in die sensiblen Bereiche zu haben scheinen, recken den abgekämpften Helden auch mal ein neues Trikot zur Signatur hin. Für den Enkel, sagen die meist graumelierten Herren dann.

Auch viele Medienvertreter klopfen den Spielern nach Siegen auf die Schulter und freuen sich, für ein paar Minuten dazuzugehören. Es kommt zu Verbrüderungsszenen mit dem Berichtsobjekt. "Klebrige Nähe" nannte das der Journalist Hans Leyendecker einmal in einem Text über Sportjournalismus. Er schrieb von "symbiotischen Verhältnissen zwischen Akteuren und Beobachtern".

Leuchtende Augen im vollen Stadion

Das ist im Kultur- oder Autojournalismus nicht besser. Doch im Sport liegt der Fehler im System. Wer Vereinsreportler ist, also jeden Tag einen Text über seinen Verein abliefern muss, kommt dem unter Umständen zu nahe. Man steigt zusammen auf, zusammen ab, und wenn es gut läuft, fährt man nach Barcelona, Manchester oder Rom. Kritisches wird nur vorsichtig formuliert, weil man den Protagonisten schon am nächsten Tag wieder in die Augen schauen muss und am übernächsten einen Interviewtermin braucht. Selbst von großen Medienkonzernen wie dem TV-Sender Sky, der die Live-Rechte an der Bundesliga hält, ist kaum kritische Berichterstattung zu erwarten. Er würde sich sein teuer eingekauftes Produkt kaputt machen.

Außerdem bestätigt sich in den Bundesliga-Stadien: Viele Sportjournalisten sind Fans geblieben. Sie haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und bekommen in einem vollen Stadion noch immer leuchtende Augen. Selbst Recken, die für große, überregionale Blätter arbeiten und sonst ein Ausbund an Seriosität sind, fiebern bei Weltmeisterschaften oder engen Champions-League-Spielen mit wie Schulbuben.