Brasilianische Polizisten während einer Übung © Nelson Ameida/AFP/Getty Images

Diese Fußball-WM wird wohl kein unbeschwertes Fest der Freude. Schon vor einem Jahr gab es Gewalt, als während des Confederations Cup eine Million Brasilianer in mehr als 100 Städten auf die Straßen gingen, um gegen die Ausgaben für die WM und gegen die Fifa zu demonstrieren. Das Finale sicherten 11.000 Polizisten, die Spieler aus Brasilien und Spanien konnten das Tränengas auf dem Spielfeld spüren.

Ob die Aktivisten in Brasilien noch einmal ähnlich viele Menschen auf die Straße bringen können, ist unklar, aber es ist sicher, dass es Aktionen geben wird. Derzeit wird beinahe täglich in brasilianischen Städten demonstriert.


Wie sehr die Lage eskaliert, wird von der Polizei abhängen. Brasiliens Polizei ist militärisch geprägt und neigt zu Gewalt. Es gibt Gründe zu fürchten, dass sie in den kommenden Wochen mehr zur Eskalation beiträgt als für Sicherheit zu sorgen. Mehr als 40 Verletzte zählte man während des Confed Cups allein in Rio de Janeiro, in Brasilia mehr als 100, meist durch Gummigeschosse der Polizei. Die Wut der Demonstranten richtete sich auch gegen die Polizeigewalt.

Schlecht ausgebildet, wenig Geld

Voriges Jahr hat die Polizei ihr wahres Gesicht gezeigt, ihr brasilianisches. Gewalt sei in Brasiliens Gesellschaft verwurzelt, sagt Dennis Pauschinger. Er hat mehrere Jahre in São Paolo gelebt und für eine gemeinnützige Initiative gearbeitet, nun erforscht er als Doktorand im Programm Doctorate in Cultural and Global Criminology von Hamburg aus die Sicherheit bei der WM. Gewalt werde banalisiert und toleriert, sagt er. 

Diese Kultur der Gewalt herrscht auch bei der Polizei. Seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 habe sich das Land zwar demokratisiert, Wahlen und Pressefreiheit eingeführt, sagt Pauschinger. Doch das betreffe nicht die ganze Gesellschaft.

Teile der Polizei sind von dieser Entwicklung ausgenommen. Eine Spezialeinheit aus Rio wirbt auf einem Logo mit einem Messer und zwei Pistolen, die einen Totenkopf durchtrennen. Die Polizisten sind schlecht ausgebildet und verdienen wenig Geld, und sie riskieren nicht nur bei Einsätzen in den Favelas ihr Leben. Einige Beamte sind außerdem selbst in kriminelle Geschäfte verwoben, in den Drogenhandel etwa.

In Brasilien gibt drei Polizeien: die Bundes- und die Landespolizei, die zum Teil miteinander konkurrieren. Die Landespolizei entspricht etwa der deutschen Polizei, die Militärpolizei ist eine paramilitärische Einheit und ein Teil der Streitkräfte. Sie untersteht dem Innenministerium. Brasiliens Polizei leidet unter dem Kompetenzgerangel der Politik.

Sieben von zehn Brasilianern misstrauen der Polizei. Die fühlt sich derweil unverstanden. Einige beklagen sich über fehlende Wertschätzung und unfaire Berichterstattung: Über die Morde an Polizisten werde kaum, über die Verbrechen von Polizisten aber stets ausführlich berichtet.  

Für mindestens 2.000 Tote pro Jahr ist die brasilianische Polizei laut Amnesty International verantwortlich. Jede zehnte Tötung geht in Brasilien auf einen Polizisten zurück. Im Jahr 2011 betrug die Mordrate in Brasilien 27,1 pro 100.000 Einwohner (Deutschland: 0,8) und nicht einmal einer von zehn Morden wurde aufgeklärt. 

Mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen

Das sei allerdings kein Grund, dass sich WM-Touristen um ihr Leben sorgen müssten, sagt Pauschinger. Die Polizei richtet ihre Aufmerksamkeit vor allem auf einheimische, meist dunkelhäutige junge Männer. Fußballfans sollten aber mit dem Anblick von Polizisten mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen in den Innenstädten und vor den Stadien rechnen. Das sogenannte Schockbataillon von Rio de Janeiro, ein Spezialkommando, das für Ausschreitungen bei Demonstrationen zuständig ist, sieht Robocops ähnlich, inklusive reptilienartiger Panzer am Körper und Gasmasken vor dem Gesicht.