Diese Fußball-WM wird wohl kein unbeschwertes Fest der Freude. Schon vor einem Jahr gab es Gewalt, als während des Confederations Cup eine Million Brasilianer in mehr als 100 Städten auf die Straßen gingen, um gegen die Ausgaben für die WM und gegen die Fifa zu demonstrieren. Das Finale sicherten 11.000 Polizisten, die Spieler aus Brasilien und Spanien konnten das Tränengas auf dem Spielfeld spüren.

Ob die Aktivisten in Brasilien noch einmal ähnlich viele Menschen auf die Straße bringen können, ist unklar, aber es ist sicher, dass es Aktionen geben wird. Derzeit wird beinahe täglich in brasilianischen Städten demonstriert.


Wie sehr die Lage eskaliert, wird von der Polizei abhängen. Brasiliens Polizei ist militärisch geprägt und neigt zu Gewalt. Es gibt Gründe zu fürchten, dass sie in den kommenden Wochen mehr zur Eskalation beiträgt als für Sicherheit zu sorgen. Mehr als 40 Verletzte zählte man während des Confed Cups allein in Rio de Janeiro, in Brasilia mehr als 100, meist durch Gummigeschosse der Polizei. Die Wut der Demonstranten richtete sich auch gegen die Polizeigewalt.

Schlecht ausgebildet, wenig Geld

Voriges Jahr hat die Polizei ihr wahres Gesicht gezeigt, ihr brasilianisches. Gewalt sei in Brasiliens Gesellschaft verwurzelt, sagt Dennis Pauschinger. Er hat mehrere Jahre in São Paolo gelebt und für eine gemeinnützige Initiative gearbeitet, nun erforscht er als Doktorand im Programm Doctorate in Cultural and Global Criminology von Hamburg aus die Sicherheit bei der WM. Gewalt werde banalisiert und toleriert, sagt er. 

Diese Kultur der Gewalt herrscht auch bei der Polizei. Seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 habe sich das Land zwar demokratisiert, Wahlen und Pressefreiheit eingeführt, sagt Pauschinger. Doch das betreffe nicht die ganze Gesellschaft.

Teile der Polizei sind von dieser Entwicklung ausgenommen. Eine Spezialeinheit aus Rio wirbt auf einem Logo mit einem Messer und zwei Pistolen, die einen Totenkopf durchtrennen. Die Polizisten sind schlecht ausgebildet und verdienen wenig Geld, und sie riskieren nicht nur bei Einsätzen in den Favelas ihr Leben. Einige Beamte sind außerdem selbst in kriminelle Geschäfte verwoben, in den Drogenhandel etwa.

In Brasilien gibt drei Polizeien: die Bundes- und die Landespolizei, die zum Teil miteinander konkurrieren. Die Landespolizei entspricht etwa der deutschen Polizei, die Militärpolizei ist eine paramilitärische Einheit und ein Teil der Streitkräfte. Sie untersteht dem Innenministerium. Brasiliens Polizei leidet unter dem Kompetenzgerangel der Politik.

Sieben von zehn Brasilianern misstrauen der Polizei. Die fühlt sich derweil unverstanden. Einige beklagen sich über fehlende Wertschätzung und unfaire Berichterstattung: Über die Morde an Polizisten werde kaum, über die Verbrechen von Polizisten aber stets ausführlich berichtet.  

Für mindestens 2.000 Tote pro Jahr ist die brasilianische Polizei laut Amnesty International verantwortlich. Jede zehnte Tötung geht in Brasilien auf einen Polizisten zurück. Im Jahr 2011 betrug die Mordrate in Brasilien 27,1 pro 100.000 Einwohner (Deutschland: 0,8) und nicht einmal einer von zehn Morden wurde aufgeklärt. 

Mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen

Das sei allerdings kein Grund, dass sich WM-Touristen um ihr Leben sorgen müssten, sagt Pauschinger. Die Polizei richtet ihre Aufmerksamkeit vor allem auf einheimische, meist dunkelhäutige junge Männer. Fußballfans sollten aber mit dem Anblick von Polizisten mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen in den Innenstädten und vor den Stadien rechnen. Das sogenannte Schockbataillon von Rio de Janeiro, ein Spezialkommando, das für Ausschreitungen bei Demonstrationen zuständig ist, sieht Robocops ähnlich, inklusive reptilienartiger Panzer am Körper und Gasmasken vor dem Gesicht.

Durch Tragödie zur Aktivistin

Aufgrund zweier Vorfälle wurde in den vergangenen Monaten in Brasilien viel über Polizeigewalt gesprochen. Im März wurde eine 38-jährige vierfache Mutter bei einer Schießerei zwischen der Polizei und Verdächtigen in einer Favela in Rio de Janeiro getötet. Polizisten warfen die Leiche in ihren Kofferraum, angeblich um sie ins Krankenhaus zu bringen. Unterwegs sprang der Kofferraum auf, die Tote fiel heraus und weil eines ihrer Kleidungsstücke sich am Auto verfing, wurde sie mehrere hundert Meter mitgeschleift. Das wurde von einem Passanten gefilmt und rief große Empörung hervor. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff kondolierte, Rios Gouverneur entschuldigte sich bei der Familie, zwei der drei Polizisten wurden wegen Mordes angeklagt.

Im April starb ein aus einer Fernsehshow bekannter Tänzer während eines Schusswechsels zwischen der Polizei und einem Drogenkommando. Wessen Kugel ihn traf, wird noch untersucht. Nach dem Tod des 26-Jährigen kam es zu Ausschreitungen im Touristenviertel Copacabana.

"Brasiliens Polizisten verstehen sich als Soldaten", sagt die US-Amerikanerin Elizabeth Martin, "nicht als Freund und Helfer". Martin hat 2007 miterlebt, wie ihr Neffe im Alter von 30 Jahren in Rio von einem Polizisten aus fünf Metern Entfernung erschossen wurde. Dem vorausgegangen war eine verbale Auseinandersetzung, ihr Neffe war unbewaffnet.

Fifa verstärkt den Druck

Durch dieses Erlebnis ist Martin zu einer Aktivistin geworden. Sie hat eine Online-Petition gegen die Brutalität der brasilianischen Polizei initiiert, für die sie mit Vorträgen außerhalb Brasiliens wirbt. Ihre Geschichte erzählte sie im Oktober 2013 auf einer Konferenz im dänischen Aarhus.

Dass die Gewalt vor der WM so sehr zugenommen hat, liegt auch daran, dass Brasilien unter Druck steht, eine reibungslose WM zu veranstalten. Martin sagt: "Die Fifa und ihre Sponsoren handeln unverantwortlich, sie setzen Brasiliens Verantwortliche unter Druck." Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hatte im vergangenen Jahr mit Blick auf die vielen unfertigen Baustellen gesagt, Brasilien brauche einen Tritt in den Hintern. Nun ist damit zu rechnen, dass die Polizei noch härter durchgreift als sonst. Denn soziale Unruhen und Proteste könnten die Besucher verunsichern, Diebstähle könnten sie verärgern. Die Fifa trägt zur Eskalation bei.

In den vergangenen Monaten wurden in Rio Dutzende Favelas von der Polizei besetzt, einige gar vom Militär. Als Teil der sogenannten Pazifikation sollten die Gegenden, in denen sich WM-Touristen aufhalten, sicherer werden. Doch das Misstrauen der Favela-Bewohner gegen die Polizisten ist groß. Mancherorts schlugen die Drogenbanden mit stärkerer Kraft zurück. Das Konzept Gewalt gegen Gewalt scheint nicht aufzugehen.

"Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerbrechen", fasste der Innenminister des Bundesstaates Rio de Janeiro sein Sicherheitskonzept zusammen. Diese Haltung sei ein Riesenproblem, sagt Martin. Brasiliens für Sicherheit Verantwortliche glaubten, sie müssten wegen der WM-Besucher die Bösen töten und verstünden darunter auch Kleinkriminelle und Demonstranten. "Das ist ein fatales, kulturelles Missverständnis, weil es die Spirale der Gewalt verstärkt." Ihre Initiative gegen Brasiliens Polizeigewalt heißt: Don't kill for me.