Aufgrund zweier Vorfälle wurde in den vergangenen Monaten in Brasilien viel über Polizeigewalt gesprochen. Im März wurde eine 38-jährige vierfache Mutter bei einer Schießerei zwischen der Polizei und Verdächtigen in einer Favela in Rio de Janeiro getötet. Polizisten warfen die Leiche in ihren Kofferraum, angeblich um sie ins Krankenhaus zu bringen. Unterwegs sprang der Kofferraum auf, die Tote fiel heraus und weil eines ihrer Kleidungsstücke sich am Auto verfing, wurde sie mehrere hundert Meter mitgeschleift. Das wurde von einem Passanten gefilmt und rief große Empörung hervor. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff kondolierte, Rios Gouverneur entschuldigte sich bei der Familie, zwei der drei Polizisten wurden wegen Mordes angeklagt.

Im April starb ein aus einer Fernsehshow bekannter Tänzer während eines Schusswechsels zwischen der Polizei und einem Drogenkommando. Wessen Kugel ihn traf, wird noch untersucht. Nach dem Tod des 26-Jährigen kam es zu Ausschreitungen im Touristenviertel Copacabana.

"Brasiliens Polizisten verstehen sich als Soldaten", sagt die US-Amerikanerin Elizabeth Martin, "nicht als Freund und Helfer". Martin hat 2007 miterlebt, wie ihr Neffe im Alter von 30 Jahren in Rio von einem Polizisten aus fünf Metern Entfernung erschossen wurde. Dem vorausgegangen war eine verbale Auseinandersetzung, ihr Neffe war unbewaffnet.

Fifa verstärkt den Druck

Durch dieses Erlebnis ist Martin zu einer Aktivistin geworden. Sie hat eine Online-Petition gegen die Brutalität der brasilianischen Polizei initiiert, für die sie mit Vorträgen außerhalb Brasiliens wirbt. Ihre Geschichte erzählte sie im Oktober 2013 auf einer Konferenz im dänischen Aarhus.

Dass die Gewalt vor der WM so sehr zugenommen hat, liegt auch daran, dass Brasilien unter Druck steht, eine reibungslose WM zu veranstalten. Martin sagt: "Die Fifa und ihre Sponsoren handeln unverantwortlich, sie setzen Brasiliens Verantwortliche unter Druck." Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hatte im vergangenen Jahr mit Blick auf die vielen unfertigen Baustellen gesagt, Brasilien brauche einen Tritt in den Hintern. Nun ist damit zu rechnen, dass die Polizei noch härter durchgreift als sonst. Denn soziale Unruhen und Proteste könnten die Besucher verunsichern, Diebstähle könnten sie verärgern. Die Fifa trägt zur Eskalation bei.

In den vergangenen Monaten wurden in Rio Dutzende Favelas von der Polizei besetzt, einige gar vom Militär. Als Teil der sogenannten Pazifikation sollten die Gegenden, in denen sich WM-Touristen aufhalten, sicherer werden. Doch das Misstrauen der Favela-Bewohner gegen die Polizisten ist groß. Mancherorts schlugen die Drogenbanden mit stärkerer Kraft zurück. Das Konzept Gewalt gegen Gewalt scheint nicht aufzugehen.

"Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerbrechen", fasste der Innenminister des Bundesstaates Rio de Janeiro sein Sicherheitskonzept zusammen. Diese Haltung sei ein Riesenproblem, sagt Martin. Brasiliens für Sicherheit Verantwortliche glaubten, sie müssten wegen der WM-Besucher die Bösen töten und verstünden darunter auch Kleinkriminelle und Demonstranten. "Das ist ein fatales, kulturelles Missverständnis, weil es die Spirale der Gewalt verstärkt." Ihre Initiative gegen Brasiliens Polizeigewalt heißt: Don't kill for me.