Dieses Spiel war einfach zu anstrengend. Nur zwei Stunden nach Abpfiff ist kaum noch was los auf dem Rossio. Den ganzen Tag über haben es sich die Fans von Real Madrid auf dem großen Platz in Lissabon gemütlich gemacht. Vor einer riesigen Leinwand haben sie das Bier getrunken, das sie in ihren Kühlboxen umhertrugen, sie haben mit ihren Schals gewedelt und von La Decima gesungen, dem langersehnten zehnten größten europäischen Titel. Nach dem Spiel liegt dort nur noch Müll herum, soweit das müde Auge reicht. Der Platz klebt bei jedem Schritt, man hofft, es ist nur das verschüttete Bier. In einer Ecke singen sich die letzten vier Real- und Atlético-Fans noch gegenseitig an. Sie wanken bedenklich und fallen sich zum Schluss in die Arme.

Dieses Champions-League-Finale zwischen Real und Atlético Madrid hat zu viel Kraft gekostet, um sich mit solch Sinnlosigkeiten wie Rivalitätenzeugs zu beschäftigen. Das größte aller Madrider Stadtderbys, 630 Kilometer von daheim entfernt, war schon ergreifend, aufwühlend und dramatisch genug. Ein würdiges Finale zwischen zwei völlig unterschiedlichen Mannschaften, dessen Endergebnis, 4:1 nach Verlängerung, etwas in die Irre führt. Es war eines der knappsten Endspiele aller Zeiten. Und eines, bei dem nach Spielschluss nicht so ganz klar ist, wer hier eigentlich der Gewinner ist.

Als Diego Simeone nach der Partie zur Pressekonferenz kam, klatschten die Journalisten. Das ist ungewöhnlich, Medienleute bilden sich viel auf ihre Neutralität ein. Für Simeone und seine Mannschaft machten einige eine Ausnahme. Der Argentinier schaute kurz erstaunt, dann erfreut und erzählte, warum sein Atlético Madrid das Finale verloren hat. Als er ging, wurde noch einmal applaudiert.

Ein paar Minuten vorher war Carlo Ancelotti da, der Trainer von Real Madrid, der Siegermannschaft. Bei ihm klatschte niemand. Selbst als plötzlich ein paar grölende Spieler hereinstürmten, unter ihnen Sergio Ramos, Marcelo und Sami Khedira, und mit irgendeinem Getränk um sich spritzen, blieb es kühl im Presseraum. Die Spieler gingen ab, Ancelotti lächelte nur süffisant und wischte sich ein paar Tropfen vom Jackettärmel. Dann erzählte er, warum seine Mannschaft gewonnen hat. Auch als er ging, blieb es still.

Außenseiter sind sexy

So wie den Journalisten ging es wohl vielen neutralen Fußballfans. Klar, Außenseiter sind sexy, vor allem, wenn sie auch finanziell in einer anderen Liga spielen. Aber nach diesem Spiel schwang noch mehr mit. "Im Leben und im Fußball, hat man einem Tag alles und am nächsten nichts, man muss aber weitermachen", sagte Diego Simeone. Er sagte auch: "Der Applaus und die Unterstützung lässt einen merken, dass es nicht nur ums Gewinnen geht." Nun lässt sich als Verlierer immer leicht moralisch argumentieren. Doch wenn dieses Klischee, dass eigentlich beide Teams gewonnen haben, auf einen Abend mal zutrifft, dann auf diesen.

Vor allem, weil es Atlético Madrid erwischte, diese mitreißenden Fußballräuber. Deren Unglück hat sich so tief in die Vereinsgeschichte gegraben. Es fand seinen bisherigen Höhepunkt in einem Gegentor von Katsche Schwarzenbeck vom FC Bayern, der 1974 in der 120. Minute des Europapokalfinales der Landesmeister mit einem Fernschuss ein Wiederholungsspiel erzwang, das die Bayern dann mit 4:0 gewannen. Das Schicksal sollte für Atlético einen neuen Schwarzenbeck bereit halten.

Der hört auf den Namen Sergio Ramos und ist der untypischste aller Real-Spieler. Ein brachialer Defensiver, der jeden Zweikampf bestreitet, als wäre es sein Letzter. Wenn seine begabteren, aber auch zerbrechlicheren Mannschaftskollegen mal gefoult werden, rennt er oft über den ganzen Platz, um seine Stahlbrust an die des Übeltäters zu drücken. Wie schon gegen den FC Bayern machte er den Unterschied, nicht Ronaldo oder Bale. In der dritten Minute der Nachspielzeit köpfte er nach einer Ecke das 1:1, mit dem Real die Verlängerung erzwang. In der fiel Atlético dann um, kassierte noch drei Tore, weil es aus dem letzten Loch pfiff.

Atlético spielt Eisenfußball

Bis dahin, vor allem in den ersten 60 Minuten, hatte Atlético schönsten Eisenfußball gespielt. Los colchoneros, die Matratzenmacher, sind eine dieser Mannschaften, die am Besten sind, wenn der Gegner den Ball hat. Dann stellen sie sich so geschickt in den Weg, dass den anderen nichts einfällt. Und wenn der richtige Moment gekommen ist, wird kurz zweigekämpft und der Ball ist gewonnen. Dabei geht es auch mal rabiat zu, aber nie wirklich unfair. Keine Mannschaft kultiviert das ungenierte Foulspiel so wie Atléti. Sie ist sich nicht zu schade, einen entlaufenen Gegenspieler festzuhalten oder von den Beinen zu holen. Das ist fast nie brutal, nicht mal böse gemeint. Der eine kann halt gut dribbeln, der andere gut foulen.

So ging Atlético sogar in Führung. Erst verlor Sami Khedira ein Kopfballduell gegen Diego Godin und dann stand auch noch das Torwartdenkmal Iker Casillas zu weit vor seinem Kasten. Im hohen Bogen senkte sich der Ball ins Tor, die Atlético-Fans nahmen beim Jubel fast das Stadion auseinander. Nicht nur in Lissabon übrigens, auch das Heimatstadion von Atlético, das Vicente Calderon in Madrid, war voll. 50.000 Fans beim Public Viewing, Sachen gibt’s.