Als Knirps radelte ich mit meinem Vater zum Stadion, immer an der Spree entlang. Er kaufte mir für ein paar Pfennige ein Programmheft, nahm mich mit auf die Haupttribüne und setzte mich auf seinen Schoß. Es waren die letzten Jahre der DDR-Oberliga. Ich staunte über die Kameramänner hinter ihren großen Kästen und fürchtete mich vor den Gästefans, die immer so am Zaun rüttelten und damals noch Schlachtenbummler hießen.

Am Sonntag verlor Energie Cottbus auch das letzte Spiel in der Zweiten Liga. Tabellenletzter, das Ende des Profifußballs für eine Stadt, die ohne Profifußball kaum jemand kennen würde. So kann das kommen, nach 17 Jahren in der Ersten und Zweiten Liga. Was bleibt sind Erinnerungen.

An die Zeit nach der Wende, in der kaum was los war. Die Menschen hatten andere Sorgen. Bis Eduard Geyer kam und Cottbus und mir die aufregendsten Spiele der Vereinsgeschichte bescherte. Ein DFB-Pokalhalbfinale gegen den Karlsruher SC, 3:0. Das erste Tor schoss Willi Kronhardt. Er hatte den Namen seiner Freundin auf sein Unterhemd gemalt. "Jule" begründete in Deutschland die Marotte des Trikotbotschaftsjubels.

Klassenkampf, "Wir" gegen "Die"

Ich weiß noch, dass ich damals zum Jubeln nicht einmal die Arme heben konnte, so dicht drängten wir uns auf den Stehplätzen. Nach den Toren berührten meine Beine für ein paar Minuten den Boden nicht, weil sich alle so kreuz und quer freuten und gegenseitig an ihren nassen Anoraks zerrten. Es hatte nämlich geschneit, mitten im April, weshalb die Leute vorm Fernseher fortan dachten, Cottbus liege kurz vor Sibirien.

Ich sah an diesem Abend Tränen in den Augen erwachsener Männer, die sich abgehängt fühlten vom Westen und nun zeigen konnten, dass es sie noch gibt. Kurze Zeit später, in der erfolgreichen Zweitligarelegation gegen Hannover 96 ging das so weiter. Klassenkampf, "Wir" gegen "Die", Ostdeutschland, Ostdeutschland! Fußball in Cottbus war immer mehr als Fußball.

Damals, 1997, war ich 14 Jahre alt. Das Alter, in dem man einen Kumpel am nötigsten hat. Ein Fußballverein kann zum Kumpel werden. Ich klaute für ihn Bierdosen an Raststätten, ließ mich von der Polizei einkesseln und brüllte, bis ich heiser war. Einmal schrieb ich einen Protestbrief an den DFB, dreimal stürmte ich den Platz, wobei ich mir stets am Stadionzaun wehtat. Ich sang fiese Lieder, musste vor noch fieseren Fans weglaufen und hüpfte halbvermummt um bengalische Feuer. Ich fuhr durch ganz Deutschland, ließ mich als Asi und Ossi beschimpfen und knutschte im Fanbus.

Kratzen, Beißen, Schubsen

Für viele wurde der Verein damals zu einem Lebenshelfer. Ein Anker in einer Welt, die sich plötzlich schneller drehte als der Ball auf dem Rasen. Manchmal, wenn ich nachdenken musste, lief ich zum Stadion, das Eingangstor stand immer offen. Ich setzte mich auf die leere Haupttribüne und schaute auf das Spielfeld. So wie andere Leute ans Meer fahren, auf einen Berg steigen oder einen Kumpel aus Fleisch und Blut anrufen.

Später ging es sogar in die Bundesliga. Plötzlich kam der FC Bayern, Borussia Dortmund, der Hamburger SV ins Stadion der Freundschaft. Mein Kumpel spielte nun gegen die aus der Sportschau. Mit Knochenfußball, mit Kratzen, Beißen und Schubsen gewann er, eine wilde Mischung aus osteuropäischen Billigkickern, die sonst keiner haben wollte, gegen verstörte Bundesligastars. Zweimal schlurften die Bayern als Verlierer vom Platz.

Ich spielte praktisch mit

Wenn Energie die Bayern schlug, war dann prinzipiell nicht alles möglich? Ich merkte, wie mein Kumpel einen Kerl aus mir machte. Bei Auswärtsspielen wechselten Passanten ängstlich die Straßenseite, wenn ein Energie-Grüppchen kam. Das macht etwas mit einem Halbstarken, auch wenn ich mich schon damals für die Nazis schämte, die mit dabei waren.

Ich war Fan, aber auch Akteur. Ich spielte praktisch mit. So unfair wie die Mannschaft auf dem Rasen rumtrat, so krakeelte ich auf den Rängen neben meinem Vater. Wenn wir dann wieder lasen, vom fanatischen Publikum (im besten Fall) oder dem Lausitzer Pöbel (im schlechtesten) wurden wir noch ein wenig stolzer. Und die anderen auch.

Ich sah unseren Torwart betrunken in der Disko

Es war die Zeit, in der der Ost-Bundesligist zu einem politischen Symbol wurde. Gerhard Schröder kam vorbei, und ließ sich ein Trikot überreichen. Allein unser Torhüter Tomislav Piplica durchschaute das Wahlkampf-Manöver. Bei einem Show-Elfmeter, bei denen der Promi immer trifft, kratzte er Schröders Ball aus der Ecke. Als Angela Merkel später kam, schoss sie gar nicht erst.

Später ging ich weg, in größere Städte, in denen Menschen lebten, die Cottbus nicht kannten, aber Energie. Mich machte das stolz und ich übernahm gerne die Rolle des Fußball-Repräsentanten aus dem Osten. Ich spürte das anthropologische Interesse der Gladbach-, Köln- oder Eintrachtfans. Sie kannten das ja nicht. Cottbus ist klein, gerade mal 100.000 Einwohner. Kein Spieler verschanzte sich in einer Villa, weil es keine Villa gab. Ein Gros der Spieler lebte in einer Reihenhaussiedlung im Norden der Stadt und spielte mit seinen Kindern in den kleinen Vorgärten. Ich sah unseren Torwart betrunken in der Disko und wie unser Stürmer eine Freundin angrub. Cottbus, ein Nest.

Ich war neulich noch mal da. Mit meinem Vater auf der Stehtribüne, die bei uns Nordwand heißt. Es war ein 0:0, ein scheußliches Spiel, aber ich beschloss, künftig wieder öfter hinzufahren. Weil ich spürte, dass mein Kumpel mich bald mehr braucht, als ich ihn.

Kurz vor dem Anpfiff flimmerte ein Musikvideo über die Anzeigetafel. Ein kleiner Abgesang auf Energie. Der Film zeigte noch einmal die Szenen der Vereinsgeschichte, Willi Kronhardt, Eduard Geyer, die Siege gegen Bayern. Er zeigte einen Teil meines Lebens.