Ich bekenne mich schuldig, stolz zu sein. Dosenstolz, sozusagen. In der laufenden Saison habe ich fast jedes Drittliga-Heimspiel des sogenannten Retorten- und Getränkedosenvereins RB Leipzig besucht, mit Dauerkarte. Den Durchmarsch des Clubs, von der fünften in die zweite Spielklasse, habe ich vom ersten Tag an verfolgt. Bei wachsender Sympathie: anfangs noch auf einem Ackerplatz im Vorort Markranstädt. Später, nach dem ersten Aufstieg, im Zentralstadion, das heute Red-Bull-Arena heißt – nach dem Finanzier des gesamten Projekts, einem Produzenten belebender Brause.

Ein Konzern aus Österreich verhilft dem Osten zum Einbruch ins westdeutsche Fußball-Establishment, um nicht weniger geht es hier. Dass RB derzeit um seine Lizenz bangen muss, ist dafür der jüngste Beweis: Das Establishment wehrt sich, ziemlich verzweifelt.

Am vergangenen Wochenende war ich noch einer jener 43.000, die die bislang wichtigste Partie der RB-Vereinsgeschichte sahen, gegen den FC Saarbrücken. Endstand 5:1, Tore von Kaiser (3!) und Frahn (2!). Wir sind jetzt in Liga Zwo! Unendlicher Jubel, eine Stadt braust auf, eine Arena zerbirst vor Glück. "Wir haben watt Historischett geschafft!", rief Daniel Frahn, unser Torjäger und Kapitän, 1987 in Potsdam geboren. Tränen. Danach fluteten Massen von Fans die Festwiese neben der Arena. Tranken sich zu lauter Musik in den Himmel über Klein Paris.

Wer dieses Spektakel sah, diese Ekstase, diese Euphorie in der nach friedlichem Fußball dürstenden 500.000-Seelen-Metropole Leipzig, der weiß, dass die Gegner von RB Leipzig und dessen Anhängern nicht Fußballromantiker sind, die sich gegen einen Großkonzern auflehnen. Sondern Fußballzyniker, die nicht gönnen können. Die Freude in Leipzig ist heftig getrübt, seit die Deutsche Fußball-Liga (DFL), für die Vergabe der Lizenzen bei Erst- und Zweitligisten zuständig, nun ernsthaft damit droht, RB vom Spielbetrieb auszuschließen. Vordergründig geht es der Liga darum, den Einfluss des Konzerns auf den Club einzudämmen. Die Wahrheit ist komplizierter. Die DFL verschmäht die gesamte Idee des Projekts. Und das ist wirklich bitter.

In Wahrheit ist RB Leipzig ein Beispiel für gelungene Aufbauhilfe Ost, wo man sie nicht erwartet hätte. 2009 übernahm Red Bull, Stammsitz Fuschl bei Salzburg, das Oberliga-Startrecht eines bedeutungslosen Vereines namens SSV Markranstädt und taufte ihn um in Rasenballsport Leipzig, weil Fußballclubs in Deutschland nicht nach Sponsoren heißen dürfen. Von Anfang an lautete das Ziel: Bundesliga, in absehbarer Zeit. Für Traditionalisten war und ist das eine abstoßende Idee. Sie sagen: RB möge ja ganz nett für Leipzig sein, aber für den Fußball insgesamt? Sei es schrecklich. Bei Twitter gratulierte jemand "zum nächsten Schritt der Zerstörung der Ersten Liga". Die Süddeutsche schrieb: Nicht wenige hielten RBs Aufstieg für "das Ende der Fußballwelt, wie wir sie einmal kannten". Man möchte rufen: Ja, dies ist das Ende der Fußballwelt, wie wir sie kannten! Das ist ja das Gute! Denn hier fällt eine der letzten Bastionen des alten Westens, eine Bundesliga unter Ausschluss der neuen Länder.

Schon als kleiner Junge träumte ich, 1988 geboren, davon, Fußballstars im Stadion zu bejubeln. Leider lebe ich in Sachsen; der nächste Bundesligaclub? Immer unvorstellbar weit weg. 1995 war Dynamo Dresden die Lizenz verweigert worden, man stieg ab ins Nirgendwo. Das Sportstudio berichtete fortan – so sah ich es – aus einer anderen Welt. Zwischendurch mischten mal Cottbus oder Rostock mit, doch das war nichts von Dauer. Überall hat der Osten den Westen eingeholt, aber beim Fußball? Die Bundesliga ist vielleicht die letzte Nische unserer Gesellschaft, in der im Kern diejenigen unter sich blieben, die schon 1990 da waren. Jährlich steigen zwei bis drei Vereine in die Erste und in die Zweite Liga auf, und zwar die aus den reichen Gegenden. Das System ist quasi undurchlässig. Hier dominiert das alte Patriarchat, hier konnte man die Ossis länger raushalten als aus Bundeskanzleramt und Schloss Bellevue.

Aus eigener Kraft könnte auf sehr lange Sicht kein Verein aus den neuen Ländern sich an der Spitze etablieren. Wenn sich Aue für ein paar Jahre in der Zweiten Liga hält, gilt das schon als kleines Wunder.