Vielleicht wird Brasilien ja Weltmeister, dann wäre für die Brasilianer doch noch etwas gewonnen. Tausende protestieren derzeit in Rio de Janeiro und anderen Städten gegen die Fußball-Weltmeisterschaft, die am 12. Juni beginnt. Das Megaereignis sei zu teuer und bringe dem Land unter dem Strich zu wenig, lautet ein Argument der Demonstranten. Jetzt bekommen Sie Unterstützung von Ökonomen aus Deutschland. "Volkswirtschaftlich wird das nahezu ein Null-Event", sagt Jörn Quitzau, Volkswirt der Privatbank Berenberg und ein Fußball-Enthusiast.

Quitzau hat gemeinsam mit dem Ökonomen Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut den Fall Brasilien untersucht und mit vergangenen Sportereignissen verglichen. Die Bilanz der Forscher ist ernüchternd: Selbst Schwellenländer wie Brasilien könnten durch Sportereignisse wie Fußball-Weltmeisterschaften "kaum bedeutende Wachstumsbeiträge verbuchen."

Das Muster ist stets dasselbe. Vor einem internationalen Sportereignis malen Politiker und Sportfunktionäre leuchtend bunte Bilder von neuen Touristenströmen, glücklichen Gastronomen und Hoteliers, neuen Straßen und Zügen und pulsierenden Stadien, in denen das Volk ständig neue Sportfeste begeht. Die Konjunktur, so die Erwartung, werde neue Höhen erreichen, das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Vöpel und Quitzau können zeigen, dass die Versprechen meist nicht eingelöst werden. "Die im Vorfeld erstellten Kosten-Nutzen-Analysen überzeichnen regelmäßig die positiven Effekte", sagt Vöpel.

Wirtschaftsaufschwung trotz WM

Andere Studien zu vergangenen Weltmeisterschaften bestätigen diese These. Egal ob während der Weltmeisterschaft in Deutschland oder Südafrika: Nie erhöhte sich das Wachstum sichtbar. In beiden Ländern wuchs die Wirtschaftsleistung sogar um weniger als 0,4 Prozent.

Zwar stimmt es, dass einzelne Länder anschließend wirtschaftliche Erfolge feierten. Jedoch hatten diese kaum etwas mit dem Sportereignis zu tun. Deutschland beispielsweise erlebte 2006 ein kleines Wirtschaftswunder – unter anderem weil die Agenda 2010 zu wirken begann. Griechenland prosperierte nach den Olympischen Spielen 2004 – weil es damals, weit vor der Eurokrise, noch von der Eurozone und deren günstigen Rahmenbedingungen profitierte. Quitzau und Vöpel argumentieren sogar, dass es sich eher gegenteilig verhält: Länder wie Südafrika oder Brasilien seien erst durch den vorangegangen Boom in die Lage versetzt worden, solche Events überhaupt ausrichten zu können.

Ein Grund dafür, dass die Sportereignisse keinen sonderlichen Effekt auf die Wirtschaftsentwicklung haben, sind die immensen Kosten. Rund zehn Milliarden Euro investiert Brasilien in Straßen, Bahnen, Stadien, Telekommunikation und in die Sicherheit. Auch während der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine und der WM in Südafrika wurden Stadien und Straßen gebaut, Flughäfen renoviert, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke für Züge und ein Schnellbussystem errichtet. Ähnlich war es während der EM in Portugal.

Diese Investitionen blieben den Ländern zwar. Aber oft hätten die Staaten die Ausgaben ohnehin getätigt, sie werden also nur vorgezogen. Das Geld fehlt dann an anderer Stelle. Die neu gebaute Straße, die am Stadion endet, könnte stattdessen auch in ein frisch erschlossenes Gewerbegebiet führen oder Wohn- und Arbeitsorte verbinden. Für ein Land wie Brasilien, in dem nur 20 Prozent des Straßennetzes als befestigt gelten, ist das keine unwesentliche Entscheidung.

Häufig trügen auch die Hoffnungen auf zusätzliche Touristen, die Geld ins Land bringen. Das Wirtschaftsministerium in Brasilien rechnet mit rund 500.000 Touristen, die wegen der WM anreisen. Sie sollen rund fünf Milliarden Euro an zusätzlichen Einnahmen bringen. Doch wie viel Geld brächten jene Urlauber mit, die ohnehin nach Brasilien fliegen wollten? Wie viel geht verloren durch jene Reisende, die jetzt nicht mehr kommen, weil sie wegen der WM volle Städte und extra teure Hotels fürchten? Der Karneval in Rio jedenfalls bringt dem Land mehr ein. Während der Feiern kommen Schätzungen zufolge rund 850.000 Touristen, das Land erwirtschaftet mit ihnen rund 3,2 Milliarden Euro – jedes Jahr.