ZEIT ONLINE:
Herr Wiebusch, warum ein Lied über Homophobie im Fußball?

Marcus Wiebusch: Ein Sportjournalist, den ich sehr lange kenne, hat mir von mehreren homosexuellen Fußballprofis erzählt. Und von dem Höllenleben, das diese führen. Etwas später saß ich mit meinem Bruder, der homosexuell ist, in St. Pauli im Stadion. Es gab eine Aktion des Vereins gegen Homophobie. Ich habe ihm gesagt, sieh mal, wie weit wir schon sind. Er sagte, das sei alles schön und gut, in St. Pauli würde ein schwuler Fußballer vielleicht funktionieren, aber was wäre bei Auswärtsspielen? Was passiert, wenn der Vertrag endet? Es entstand eine lebhafte Diskussion über Outing im Speziellen und Homophobie im Fußball im Besonderen, an deren Ende ich gesagt habe: Mag sein, dass der Tag noch nicht da ist, aber er wird kommen.

ZEIT ONLINE: Das Lied heißt auch Der Tag wird kommen. Es ist außergewöhnliche sieben Minuten lang.

Wiebusch: Ich wollte das Bild ganz malen. Da war mir dieses Popformat erstmal egal. Natürlich wollte ich auch einen kraftvollen Popsong schreiben, zu dem man feiern und abtanzen kann, der anders rezipiert wird als ein journalistischer Beitrag. Aber mir war sehr wichtig, dass er nach vorne gerichtet ist und Kraft hat. Den letzten Schritt, den Faktencheck, habe ich übrigens mit Corny Littmann gemacht, unserem ehemaligen St.-Pauli-Präsidenten. Als der gesagt hat, dass es gut ist, wusste ich, dass ich es getroffen habe.

ZEIT ONLINE: Sie haben den Song vor dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger geschrieben. Danach gab es eine breite Debatte. Ist das Thema nicht durch?

Wiebusch: Finden Sie? Warum hat sich noch kein aktiver Spieler geoutet? Meinen Sie, es macht den schwulen Spielern Spaß, sich zu verstecken? Es ist gut und wichtig, was Hitzlsperger gemacht hat. Aber dem ultimativen Sturm hat er sich als ehemaliger Profi doch nicht ausgesetzt. Diesen Zustand, dass sich kein aktiver Profi traut zu outen, finde ich furchtbar. Und nur darum geht es in dem Song.

ZEIT ONLINE: Hängt der Fußball bei diesem Thema hinterher?

Wiebusch: Ich finde schon. Wir hatten einen schwulen Außenminister, der in Länder reiste, in denen Homosexualität unter Strafe steht. In Mode, Kunst, Pop ist es überhaupt kein Problem. Im Fußball wird noch mit diesem archaischen, völlig überholten Männerbild gearbeitet. Es ist einfach nackte, rohe Dummheit.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie das Problem bei den Fans oder im Fußballbetrieb selbst?

Wiebusch: Die Kurve ist ein Riesenproblem. Und das Zweite: Spieler aus konservativeren Ländern sehen Homosexualität anders als wir. Das ist also auch teamintern nicht leicht.

ZEIT ONLINE: Die Kurve hat sich gegen diese Darstellung gewehrt. Es gibt viele schwul-lesbische Fanclubs, gemeinsame Aktionen mit Ultras. Die sagen: Hey, an uns solls nicht liegen.

Wiebusch: Das ist so ein X-Faktor. Man weiß es nicht genau. Die Kurve könnte in den Griff zu kriegen sein. Gerade dort sind die Fortschritte gut. Wir haben auch den Rassismus größtenteils rausbekommen. Ich war früher im Stadion beim HSV, als dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten bedacht wurden.

ZEIT ONLINE: Aber Sie schreiben trotzdem: Der Sturm wird kommen.

Wiebusch: Ja, der Sturm wird kommen, machen wir uns nichts vor! Nach dem Stand heute ist wahrscheinlich noch nicht die ganze Kurve bereit, einen homosexuellen Spieler zu akzeptieren. Aber wir sind auf dem Weg. Zu dem Song wird zum Beispiel ein Kurzfilm gedreht. Für Szenen während des Refrains wollen wir Massenszenen mit Fans drehen. Dazu haben wir die Fan-Beauftragten aller Profivereine angeschrieben. Wir brauchen pro Club mindestens 200 Leute. Und es funktioniert, die Rückmeldungen waren super. Es passiert was. Ich weiß nicht, ob das vor zehn Jahren auch möglich gewesen wäre.

ZEIT ONLINE: Wann wird denn der Tag kommen?

Wiebusch: Es wird ein Dienstag sein, es wird ein sehr freundlicher Herbsttag sein. Die Blätter sind gerade eben noch an den Bäumen.

ZEIT ONLINE: Herbst ist schon bald.

Wiebusch: In welchem Jahr weiß ich nicht.

ZEIT ONLINE: Der neue Song ist bereits Ihr zweiter über Fußball. Wie kommt es, dass Fußball salonfähig geworden ist? Vor 25 Jahren hat höchstens mal Udo Jürgens drüber gesungen. Spätestens 2006 gab es eine Feuilletonisierung. Tut das dem Fußball gut?

Wiebusch: Ich finde schon. Fußball ist gesellschaftlicher Fixpunkt, er durchdringt unser Leben, er ist unser Sport. Wenn es zu unserem Leben gehört, kann ich auch drüber singen. Ich halte das für eine gute Entwicklung. Es gibt allerdings sehr wenige gute Fußballsongs.