Karl Gernandt (rechts) feiert mit seinem Mitstreiter Bernd Boente den Sieg von HSVPlus. © Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Der HSV war lange stolz auf seine Demokratie, doch nach einer weiteren frustrierenden Saison haben die Mitglieder sie abgeschafft. Rund 87 Prozent der zehntausend anwesenden HSV-Mitglieder schenkten HSVPlus am Sonntag eine große Mehrheit. Das bedeutet: Der dienstälteste Verein der Bundesliga lagert nach gut zehn Jahren Debatte seine Profiabteilung aus, darf 24,9 Prozent seiner Anteile an Investoren verkaufen und verkleinert seinen Aufsichtsrat. Der HSV verpasst sich durch eine historische Vereinsreform eine moderne Struktur, ein zukunftsweisender Schritt. Aus dem Dino wird die Dino AG. 

Wird jetzt alles gut beim HSV?

Noch deutet nicht viel darauf hin, die Arbeit der Reformer fängt jetzt erst an. Und ob sie mehr Erfolg haben werden als ihre Vorgänger, daran gibt es Zweifel. Wichtiger als Strukturen sind nämlich Figuren.

Doch der neue HSV setzt auch auf alte Gesichter. Der Kopf von HSVPlus, Ernst-Otto Rieckhoff, war vor wenigen Jahren Chef des Aufsichtsrats. Er wird zwar kein Amt übernehmen ist aber wie der Vorstand Joachim Hilke Teil der HSV-Geschichte, die vor einer Woche fast mit dem Abstieg endete. Das gilt, wenn auch in geringerem Maß, für den Trainer Mirko Slomka.

Der wichtigste Mann der Reform ist Dietmar Beiersdorfer, er soll Vorstandsvorsitzender werden. Den jetzigen Sportdirektor von St. Petersburg, wo er als einflusslos gilt, lieben die HSV-Fans. Doch auch Beiersdorfer war sieben Jahre Sportdirektor beim HSV. Seine Bilanz ist gemischt. Er entdeckte einige gute Spieler, doch er verhinderte auch die Verpflichtung Jürgen Klopps.

Es besteht auch die Gefahr, dass die Sieger die falsche Lehre aus dem Mitgliederentscheid ziehen. Die HSV-Supporter haben eingesehen, dass sich das Prinzip Mitbestimmung wenig für das Kerngeschäft eines Fußballvereins eignet. Doch wollen sie auch, dass der neue Aufsichtsrat, der sich vor allem aus der HSVPlus-Gruppe zusammensetzen wird, nicht überall mitredet. Dass er sich nicht vom hohen Wahlsieg zu Machtkämpfen verleiten lässt, die den Verein seit Jahren hemmen.

Eigentlich soll ein Aufsichtsrat nur kontrollieren, das operative Geschäft erledigt der Vorstand. Beim HSV jedoch nahm sich der Aufsichtsrat in der Vergangenheit zu wichtig und hielt den Vorstand oft an der kurzen Leine. Daher ist es kein gutes Zeichen, dass von HSVPlus-Vertretern bereits Wünsche vernehmbar werden, welche neuen Spieler der Vorstand mit dem neuen Geld kaufen soll.

Neues Geld könnte der HSV bald reichlich bekommen, gemäß Spekulationen rund hundert Millionen Euro. Der Milliardär Klaus-Michael Kühne ist ein Unterstützer von HSVPlus und ein großzügiger Fan des Vereins. Seinen Lieblingsspieler Rafael van der Vaart setzte er vor zwei Jahren quasi alleine durch, obwohl er im Verein keine Funktion hat, sondern nur Kreditgeber ist. Es war ein Investment in die Vergangenheit.

Der Transfer des Altstars zurück nach Hamburg steht für die Ineffizienz des HSV: hohe Kosten, niedriger Ertrag. Dem neuen HSV könnte es genauso ergehen. Geld hat der Verein oft verschwendet für Trainerabfindungen, gierige Berater oder mittelmäßige Stürmer. HSVPlus sei so nahrhaft wie ein Big Mac, sagte der Ex-Vorstand Christian Reichert, ein Reformgegner.

So muss es nicht kommen, HSVPlus ist eine Chance für den Verein. Und immerhin gibt es beim neuen HSV Ausnahmen, etwa Karl Gernandt, der mit seinem Auftritt viele Fans überzeugt hat. Kühnes rechte Hand wird als neuer Aufsichtsratschef gehandelt. Er hat keine HSV-Vergangenheit. Gernandts Aufgabe wird es sein, zu verhindern, dass die Reform verpufft. Zu verhindern, dass HSVPlus eine neue Versuchung wird, Geld aus dem Fenster zu werfen.