Drei Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien hat sich der Bundestrainer Joachim Löw gegen Kritik an seiner Arbeit gewehrt und gleichzeitig vorübergehende Selbstzweifel an einigen seiner Entscheidungen eingeräumt. Mit Blick auf die WM-Vorbereitung habe er aus der Vergangenheit gelernt: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich das ein oder andere Mal noch mehr auf Spieler hätte einlassen müssen", sagt Löw in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der ZEIT.

Dabei betont der Bundestrainer die Bedeutung emotionaler Faktoren. "Sie glauben gar nicht, wie wichtig Vertrauen und Wertschätzung in einem so sensiblen Geflecht ist. Es geht ganz schnell, dass man durch ein Turnier durchrauscht und am Ende merkt: Vielleicht hätte ich noch wachsamer sein, dem einen oder anderen noch mehr Aufmerksamkeit widmen können", sagt Löw. Dabei dürfe es allerdings keine "Zuwendungsgefälle" geben: "Man darf keine Lieblinge haben." Er habe den Anspruch, "jedem Spieler eine Hauptrolle zuzuordnen – egal, ob Kapitän oder Ersatzspieler".

Gemeinsam mit dem Psychologen der Nationalmannschaft, Hans-Dieter Hermann, spricht Löw in der ZEIT über die Schwierigkeiten beim Prozess des Zusammenwachsens der Mannschaft vor dem Turnier: "Das Formen dieser WM-Mannschaft vor dem Turnier müssen Sie sich ein bisschen wie die Erziehung von Kindern vorstellen. Die Spieler sind naturgemäß nicht mit allem einverstanden, was wir Trainer vorschlagen. Es dauert manchmal länger, bis sie sich darauf einlassen." Hans-Dieter Hermann erklärt, wie er diesen Prozess begleitet: "Es wird Sie überraschen, aber in meinem Bereich besteht der Plan darin, gezielt der Kreativität, der Spontaneität und dem Miteinander genügend Raum zur Entfaltung zu geben. Die Herausforderung ist, in diesen Wochen jedem Einzelnen und dem Team das Gefühl der Gemeinsamkeit zu geben."

Braucht Löw auf diesem Gebiet die Hilfe seines Psychologen? "Bei mir war das durchaus mit einem Lernprozess verbunden", sagt der Bundestrainer. Hans-Dieter Hermann sagte, Jogi Löw brauchte, wenn überhaupt, nur einen Rat: "Überlege dir gut, wie ungeschützt du dich der Öffentlichkeit zeigst." Löw sagt, er habe zu Beginn seiner Zeit als Bundestrainer aus Selbstschutz versucht, sich hier und da bewusst so oder so zu geben, eine bestimmte Rolle einzunehmen, sich der öffentlichen Meinung anzupassen. "Aber ich habe schnell erkannt, dass das Blödsinn ist", sagt Löw. "Ich kann nur überzeugen, wenn ich nach meiner Intuition handle und meinem Gefühl folge."

In dem Gespräch reden Löw und Hermann ausführlich unter anderem auch über den Umgang mit Selbstzweifeln nach Niederlagen wie dem Halbfinal-Aus bei der EM 2010 gegen Italien, über seine Spielsystemtreue und die von Pep Guardiola, die Intelligenz von Philipp Lahm und die Frage, welche Nationalspieler besonders häufig den Rat des Psychologen suchen.

Das vollständige Interview mit Joachim Löw und Hans-Dieter Hermann lesen Sie in der ZEIT-App für iPad, iPhone und Android-Tablet, sowie im PDF der ZEIT und in der gedruckten Ausgabe.