Schachtar Donezk hat am Sonntag 3:1 gegen Sorja Luhansk gewonnen und sicherte sich den fünften Ligatitel hintereinander. Doch es war eine andere Zahl, die diesen Tag besonders machte, jene der Zuschauer: Null. 

Die letzten Spieltage der ukrainischen Meisterschaft finden vor leeren Rängen statt. Aus Sicherheitsgründen. Teilweise wurde gar in fremden Städten gespielt: Schachtar gewann den Titel im zentralukrainischen Tscherkassy. Das "Heimrecht" hat in der Ukraine aktuell wenig mit Fußball zu tun. An dem Tag, als Schachtar gegen Luhansk die ukrainische Meisterschaft gewann, stimmten die Bewohner beider Regionalhauptstädte in umstrittenen Referenden für eine Abspaltung von der Ukraine.

Zeitgleich zum trostlosen Match in Tscherkassy marschierten Fußballfans im Westen des Landes. Ultras von Karpaty Lwiw zogen gemeinsam mit den Anhängern von Metalist Charkiw aus dem Osten für eine geeinte Ukraine durch die Altstadt von Lemberg. Sie zelebrierten damit einen Frieden, der nach Beginn der Maidan-Proteste in Kiew zwischen vielen rivalisierenden Fangruppen geschlossen wurde und von den meisten Ultras mitgetragen wird – auch von jenen, die sich zuvor bis auf den Tod nicht ausstehen konnten. 

Rechter Dank an die "treuen Ultras"

Die echte Gewalt hat in der Ukraine die zuvor ritualisierten Hooligan-Schlägereien weitgehend verdrängt. So trafen, während die Liga im März pausierte, Fangruppen von Dynamo Kiew und Schachtar Donezk aufeinander – nicht im Wald zur sonst üblichen Prügelorgie, sondern zu einem Freundschaftsspiel.

"Der Schulterschluss zwischen rivalisierenden Ultragruppen ist bemerkenswert, macht allerdings Sinn", sagt Manuel Veth, der am King's College in London forscht und auf seiner Internetplattform Futbolgrad regelmäßig über Fans und Vereine im postsowjetischen Raum schreibt. Viele der größten Fanvereinigungen im Westen hätten direkte Verbindungen zur rechtsextremen Swoboda oder zum militanten Rechten Sektor, vor allem Anhänger von Karpaty. 

Im Osten des Landes hätte die schlechte wirtschaftliche Lage viele Ultras und Jugendliche gegen den ehemaligen Präsidenten Janukowitsch auf die Straße getrieben. "Auf dem Maidan in Kiew hatten sich Ultras zu Selbstverteidigungseinheiten zusammengeschlossen. Sie wurden bei Demonstrationen eingesetzt um sich gegen Schläger der Regierung zu schützen," sagt Veth. So verwundert es nicht, dass der Swoboda-Chef Oleh Tjahnybok nach dem Sturz Janukowitschs ausdrücklich den "treuen Ultras" dankte.

Der blutige Konflikt hat auch radikale Hooligans rasch in die Mitte der Gesellschaft gespült. Dabei waren sie, als das Wort Europa in der Ukraine zuletzt in aller Munde war, sogar in ihrer Basis im Westen des Landes unter Druck geraten. Vor der Europameisterschaft 2012 sorgte sich der halbe Kontinent um die gewaltbereiten ukrainischen Fußballfans. Etwa 6.000 von ihnen vermutete damals das East European Development Institute. Die meisten standen dem Turnier offen feindselig gegenüber. Banner mit "Fuck off Euro 2012" waren im Frühling 2012 in den Kurven sehr beliebt.

"Die Euro war zwar nicht komplett frei von Fremdenhass. Aber sie war ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Rafal Pankowski. Er forschte an der Uni Warschau zu Hooligans in Osteuropa und beschäftigt sich nun für die NGO Never again mit Rechtsextremismus im osteuropäischen Fußball. Er bescheinigt der Ukraine, während des Turniers Fortschritte gemacht zu haben, die nun wieder auf dem Spiel stehen. "Die aktuelle politische Manipulation und Radikalisierung von Hooligans durch weit rechts stehende politische Gruppierungen ist gefährlich", sagt er. Vor allem in Lemberg sind Hooligans und Rechtsextreme kaum voneinander zu trennen – was der Club sogar unterstützt. Als die Stadt wegen wiederholter xenophober Ausfälle der Ultras im Herbst 2013 für Länderspiele gesperrt wurde, erklärte Karpaty offiziell, man werde niemals "das Erbe der Großväter" verraten. Dass zu diesem Erbe für viele Ultras die Verherrlichung der SS gehört, nimmt der Club hin.